Rob Hart: Der StoreAls der Arzt mit der Diagnose herausgerückt ist, hat er einen ernsten Ton angeschlagen und mir die Hand auf den Arm gelegt. Jetzt kommt es, dachte ich. Zeit für schlechte Nachrichten. Daraufhin sagt er mir, was Sache ist, und meine erste Frage, ehrlich und wahrhaftig, lautet: »Was zum Teufel macht eine Bauchspeicheldrüse überhaupt?«

Er hat gelacht, und ich habe mit eingestimmt, was die Stimmung ein bisschen aufgelockert hat. Das war gut, denn anschließend wurde es weniger lustig. Falls ihr dieselbe Frage hattet: Die Bauchspeicheldrüse trägt dazu bei, die Nahrung zu verdauen und den Blutzucker zu regulieren. Inzwischen weiß ich darüber ganz gut Bescheid

Mir bleibt noch ein Jahr. Deshalb gehen meine Frau und ich morgen früh auf große Fahrt. Ich werde so viele MotherClouds in den Vereinigten Staaten besuchen wie irgend möglich.

Ich will mich bedanken. Ich kann zwar unmöglich jeder Person, die in einer MotherCloud arbeitet, die Hand schütteln, aber bemühen werde ich mich, verdammt noch mal. Das kommt mir wesentlich angenehmer vor, als zu Hause zu sitzen und auf den Tod zu warten.

Gibson Wells ist der visionäre Gründer des Megas-Onlinehandels Cloud und unheilbar an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt. Vor seinem Tod möchte er noch einmal alle MotherClouds besuchen, um sich von seinem Lebenswerk zu verabschieden. In der sehr nahen Zukunft, in der »Der Store« spielt, verlassen die Menschen zum Einkaufen ungern ihre Häuser. Wegen der fürchterlichen Black-Friday-Massaker lassen sie sich nur noch durch Drohnen beliefern. Dadurch wurde Cloud unangefochtener Marktführer.

Der Konzern ist inzwischen auch der größte Arbeitgeber in Amerika, mit dreißig Millionen Beschäftigten. Diese leben in firmeneigenen Wohnanlagen, den so genannten MotherClouds. So sparen sie sich zwar das Pendeln zum Arbeitsplatz, geben aber völlig ihre Privatsphäre auf. Sie müssen CloudBand-Smartwatches an den Handgelenken tragen, unterliegen einem firmeninternen Sterne-Rating und müssen ständig auf ihre persönliche Leistungskurve achten. Überwachung und Kontrolle gehören für die Mitarbeiter zum Alltag.

Der Roman beginnt mit dem Einstellungstest von Paxton. Der erfolglose Erfinder wurde von Cloud aus dem Geschäft gedrängt und heuert nun beim firmeneigenen Sicherheitsdienst an. Dort soll er die Verbreitung der Droge Oblivien verhindern, die unter den Arbeitern zum Problem wird.

Gleichzeitig mit ihm tritt Zinnia ihre Arbeit an. Sie ist in Wahrheit Industriespionin und hat sich dort eingeschleust. Um ihre berufliche Zukunft steht es nicht zum Besten, da es immer weniger Konkurrenz gibt, die sich gegenseitig ausspionieren lässt.

Der Firmengründer, ein Security-Mitarbeiter und eine Industriespionin beleuchten für den Leser den Konzern von allen Seiten und unter verschiedenen Aspekten, die ein sehr differenziertes Bild bieten. Es ist keine einseitige Anklage gegen Großkonzerne wie Amazon und Google, da der Gründer mit seiner Entwicklung auch gute Absichten verfolgt hat. Er zeigt das alltägliche Dilemma, wenn wir den Niedergang der Innenstadtläden beklagen und gleichzeitig im Internet bestellen oder zu großen Einkaufszentren fahren.

Sehr eindringlich werden die Mechanismen gezeigt, wie die Beschäftigten durch Kontrolle und Regulierung zu immer höheren Leistungen gedrängt werden. Oft auf Kosten der eigenen Sicherheit und Gesundheit. Dabei wird nichts angeordnet, sondern ist freiwillig. Da man aber ständig auf sein persönliches Ranking achten muss, steht jeder Mitarbeiter permanent unter Druck. Zinnia, die als Packerin in der Auslieferung arbeitet, erlebt er am eigenen Leib, wie schnell man diese Mechanismen verinnerlicht. Diese Passagen des Romans sind unglaublich fesselnd und übertreffen noch die genretypischen Spannungshöhepunkte der Handlung. Wie beispielsweise das dunkle Firmengeheimnis, das die Auflösung von »Soylent Green« noch in den Schatten stellt.

»Der Store« ist satirische Kritik an den Machenschaften der Großkonzerne, aber auch an der Bequemlichkeit des Einzelnen, der dieses Vorgehen oft erst ermöglicht oder zumindest begünstigt. Rob Hart zeigt die Folgen jener Vergünstigung auf, was wir dafür außer dem Kaufpreis noch zahlen müssen und was wir dafür zu opfern bereit sind. Der Roman ist leider keine Science Fiction mehr.

Rob Hart: Der Store | Deutsch von Bernhard Kleinschmidt
Gelesen von Simon Jäger, Anna Carlsson, Frank Arnold und Janine Stenzel | Dauer: 11 Std.
Random House Audio 2019 | Jetzt bestellen

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