Philip Kerr: Der zweite EngelDurch die staubigen Fenster von Artemis Sieben betrachtet, stand die leuchtend blauweiße Erdkugel in scharfem Kontrast zur leblos grauen Mondoberfläche. Sie schien schon fast absichtslos dort hingehängt, wie eine auf ewig unereichbare blaue Frucht, eine Tantalusqual für die Sträflinge – eine ständige Erinnerung an die extreme Art ihrer Verbannung. Niemand schenkte der Erde so viel Aufmerkamkeit wie Carver, der zehn Jahre abzubrummen hatte.

Eine neue Seuche namens P2 bedroht die Welt. Bisher hat sie bereits 150 Millionen Menschen getötet und den größten Teil der Menschheit infiziert. Die Lebenserwartung nach der Infektion beträgt nur noch 10 bis 15 Jahre. Gesundes Blut ist die wichtigste und wertvollste Ware auf der Erde geworden. Dana Dallas ist der erfolgreichste Konstrukteur von Blutbanken. Als sein Chef von der Erkrankung von Dallas‘ Tochter und den zu erwartenden Heilungskosten erfährt, setzt er einen Killer auf die gesamte Familie an. Dallas kämpft nun gegen die eigene Firma und plant einen Einbruch in die am besten geschützte Anlage aller Zeiten.

»Der zweite Engel« ist der ultimative Mond-Thriller, auch wenn nur ein geringer Teil der Handlung direkt vor Ort spielt. Das Buch steckt voller Ideen. Mehr, als man in die Handlung sinnvoll einfügen könnte, weshalb Kerr zahlreiche Fußnoten nutzt, um allen gerecht zu werden. Viele der teils umfangreichen Fußnoten sind nicht notwendig, um die Handlung zu verstehen, aber sie runden das Gesamtbild ab.

Das Buch erschien 1998 und an einigen Stellen merkt man ihm das Alter bzw. die Schnelligkeit des technischen Fortschritts an, denn einige auf das Jahr 2066 datierte Entwicklungen sind heute schon weit fortgeschritten. Die Gedankenspiele in dem Roman dagegen bleiben erschreckend: Blutraub wird eine Verbrechensbranche. Gesunde Menschen werden ermordet und ihr gesamtes Blut geraubt. Es gibt dafür sogar einen Fachausdruck: Vamping. Außerdem wird demonstriert, wie man eine Künstliche Intelligenz foltert, die keine Schmerzen empfinden kann.

»Der zweite Engel« ist Science Fiction und Thriller in einem und jedem zu empfehlen, der ungewöhnliche Genreliteratur schätzt. Kerr hat eine ganze Reihe hervorragender Thriller mit meist wissenschaftlichem Hintergrund veröffentlicht. Ähnlich den Werken von Michael Crichton, nur wesentlich besser geschrieben. Besonders zu empfehlen ist auch »Game over«, in dem sich ein vollautomatisiertes Bürogebäude gegen seine Bewohner wendet.

In den letzten Jahren hat sich Kerr wieder seinen Anfängen zugewandt und seine Reihe historischer Kriminalromane um den deutschen Privatdetektiven Bernhard Gunter fortgesetzt, dessen Abenteuer inzwischen von Anfang der Dreißiger Jahre bis Mitte der Fünfziger reichen.

Philip Kerr: Der zweite Engel | Deutsch von Cornelia Holfelder-von der Tann
rororo 2001 (2. Auflage) | 448 Seiten | Jetzt bestellen

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