Peter Heller: Der FlussDer Mensch ist von Natur aus gut, alles eiapopeia. Aber …

Mit seinem neuen Roman »Der Fluss« ist dem amerikanischen Journalisten und Schriftsteller Peter Heller ein Meisterwerk gelungen. Diese Geschichte zieht den Leser derart in ihren Bann, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legt.

Die beiden Studienfreunde Jack und Wynn wollen in den Semesterferien über mehrere Wochen mit dem Kanu auf dem Maskwa River in Kanada Ursprünglichkeit und Ruhe genießen, aber auch ein wenig Abenteuerluft schnuppern. Erinnerungen an James Dickeys »Flussfahrt« werden wach, lässt doch Peter Heller seine Helden den Pageturner aus den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts gleich zweimal erwähnen. Wie einst Dickey lässt auch Heller seine Flussfahrt zu einem grausamen Überlebenskampf werden und nutzt sowohl Western- als auch Krimi-Elemente als Zutaten.

Jack und Wynn sind erfahrene Outdoor-Experten und schätzen die Natur fernab der Zivilisation. Ihre innige Verbundenheit spürt der Leser von Beginn an, doch die tiefe Seele dieser Freundschaft offenbart sich erst im Verlauf der Geschichte.

Man steigt erwartungsvoll zu den beiden ins Kanu, atmet Hellers eindrucksvolle Naturbeschreibungen und spürt dennoch die dunklen Wolken, die mit dem Brandgeruch aufziehen, den Jack wenig später wittert. Als er auf einen Baum klettert und in der Ferne einen Waldbrand von unkalkulierbarer Größe erkennt, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Als wäre dies des Nervenkitzels nicht schon genug, spitzt der Autor die Situation weiter zu: Im Nebel hören die beiden Freunde einen Streit, können die Beteiligten jedoch nicht sehen. Schreie zerreißen die trügerische Ruhe. Jack und Wynn paddeln zunächst weiter. Nach einigen Überlegungen beschließen sie, doch umzukehren. Obwohl das Damoklesschwert des Brandes über ihnen schwebt, wollen sie die anderen vor dem Feuer warnen und sicher gehen, dass niemand verletzt wurde.

Diese Entscheidung besiegelt ihr Schicksal. Aus dem weit entfernten Brand entwickelt sich im Verlauf des Romans eine gigantische Feuerwalze, die unaufhaltsam näher rückt. Während die beiden zu zweit dem Feuer wohlmöglich entkommen könnten, haben sie mittlerweile die schwer verletzte Maia an Bord und müssen permanent damit rechnen, dass ihr Mann Pierre ihnen an der nächsten Flussbiegung auflauert. Hegen die beiden Bauern JD und Brent, die sie unterwegs treffen, ebenfalls mörderische Absichten?

Heller nimmt sich Zeit für seine Geschichte, arbeitet die Charaktere seiner Protagonisten gut heraus, beschreibt die Natur lebendig und detailversessen. Die Spannung steigt langsam von der ungewissen Bedrohung über einige kurze Actionpassagen bis hin zum Höhepunkt, als die wütenden Flammen sich den Weg durch den Wald zum Fluss bahnen.

Man kann es jetzt hören. Es ist scheißgroß, der größte verdammte Waldbrand, den die Welt je erlebt hat … Das Feuer wird kommen, und dann bildet die Hitze diese böigen Wirbel und erzeugt ihr eigenes Wetter … Der Rauch wird dichter werden, zu Gas, und dann überrollt er den Fluss, und wenn sich das dann entzündet … tja … Dann sind wir erledigt …

Hellers Geschichte wirkt gleichzeitig packend und anrührend. Sie überzeugt durch ihre Einfachheit, die von der besonders bildhaften Sprache belebt wird. Übersetzer Matthias Strobel lieferte dafür die kongeniale Übersetzung. So nimmt der Leser an den Erlebnissen von Jack und Wynn hautnah teil und fühlt ihr Schicksal gleichsam schmerzvoll.

Peter Heller: Der Fluss | Deutsch von Matthias Strobel
Nagel & Kimche 2019 | 272 Seiten | Jetzt bestellen

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