Peter Ackroyd: Die Clerkenwell-ErzählungenDas London des Jahres 1399 ist geprägt von Seuchen, Aberglauben und Mystizismus. Klerus und Krone wetteifern um die Macht, und mittenhinein in dieses wüste Szenario katapultiert uns dieser mediävale Roman von Peter Ackroyd, seines Zeichens Chefliteraturkritiker der Times und damit quasi der Marcel Reich-Ranicki Englands.

Im Kloster zu Clerkenwell geschehen merkwürdige Dinge. Die Nonne Clarissa (im Original Clarice) hat Visionen von brennenden Kirchen, und tatsächlich folgen ihren Worten schon nach kurzer Zeit Taten, sprich: Die erste Kirche geht in Flammen auf. Die ohnehin durch Krankheit und Armut vielfach gebeutelte, labile Bevölkerung wird durch die Ereignisse in Angst und Schrecken versetzt. Ist das Ende Londons nahe? Bringt der Ablauf des Jahrhunderts auch den finalen Atemzug der Welt mit sich?

Dunkle, schemenhafte Schatten bewegen sich zwischen den ehrbaren Bürgern von London, und sie schrecken vor nichts zurück, um ihre zweifelhaften Ziele zu erreichen. Während der Fleet zur Entsorgung des weltlichen Unrats missbraucht wird, bleibt der Unrat geistiger Natur hinter uneinsehbaren Mauern verborgen, und langsam, aber sicher wird die Stadt von einer Seuche infiltriert, gegen die kein Medicus ein Heilmittel finden könnte.

»Die Clerkenwell-Erzählungen« sind eng angelegt an die »Canterbury Tales« von Geoffrey Chaucer. Bei Chaucer findet eine Pilgerreise statt, auf der ganz unterschiedliche Personen mehrere Geschichten zum Besten geben. Auf dieser Grundidee fußt der Roman von Peter Ackroyd. In jedem Kapitel wird eine neue Figur eingeführt, welche ihren Ursprung bei Chaucer’s Chroniken hat.

Besonders bemerkenswert an diesem Buch ist, auf welche Weise es dem Autor gelingt, das mittelalterliche London zum Leben zu erwecken. Man beachte allein nur die unglaublich authentische Sprache und Charakterisierung der Figuren! Des weiteren glänzt der Roman mit einer Detailverliebtheit und einer Wortgewalt, die deutlich macht, dass hier jemand mit einem profunden historischen Wissen zur Feder gegriffen hat. Nicht umsonst ist Peter Ackroyd in erster Linie für seine Sachbücher berühmt, die häufig Aspekte seiner Heimatstadt London thematisieren und bereits zahlreiche Auszeichnungen bekommen haben.

Im Anhang des Buches (»Der Dichter spricht«) werden noch diverse Fußnoten erläutert, unter anderem erfahren wir von einem Brief des Paters Wilhem Exmewe, dessen Inhalt maßgeblich zur Entstehung dieses Buches beigetragen hat (neben den »Canterbury Tales«).

Peter Ackroyd: Die Clerkenwell-Erzählungen | Deutsch von Eva L. Wahser
Goldmann 2006 | 250 Seiten | Jetzt bestellen

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