
Der Zug mit den Agatha-Christie-Epigonen, die das Original zu kopieren versuchen, es aber um Längen verfehlen, startet um 16 Uhr 50 ab Paddington. Ein »Girl On The Train«, das als Londoner Pendlerin vom Zugfenster aus Begebenheiten beobachtet, die ein Verbrechen betreffen, erdenkt Paula Hawkins, indem sie aus drei Frauenperspektiven ein kriminelles Whodunit erzählen lässt – jedoch darüber hinaus hauptsächlich Gejammer. Die Lösung weiß man dann schon recht bald, man kennt ja seine Agatha Christie, und das Ende ist einem ohnehin längst egal. Kein gut ausgearbeiteter Fahrplan.
Es gibt eine Hauptfigur, ein Opfer und noch eine dritte Frau, nämlich die neue Gattin des Exmanns der ersten. Hauptfigur Rachel pendelt täglich mit dem Zug am Grundstück von Opfer Megan und deren Gatten Scott vorbei, zufällig in unmittelbarer Nachbarschaft von Anna und Tom gelegen, also ihrem Ex und der dritten beteiligten Frau. Nun ist Rachel arbeitslose Alkoholikerin und permanent benebelt, weshalb ihre Beobachtungen zum Abend, an dem Megan verschwindet, lückenhaft sind; die zentrale Herausforderung ist es für Rachel folglich, den Abend zu rekonstruieren zu versuchen. Getrieben von Eifersucht auf Anna und dem Wunsch, das Verschwinden, das sich bald als Mord herausstellt, aufzuklären, verhält sich Rachel nun permanent bekloppt.
Als Clou erzählt Hawkins die Geschichte aus drei Ich-Perspektiven mit einem zeitlichen Versatz, und zwar Rachel und Anna in der Gegenwart und Megan so weit die Vergangenheit nachholend, dass ihr Schicksal sich gegen Ende mit den Erkenntnissen von Rachel deckt. So kommt man mit ihr den Geschehnissen auf die Spur, die sie fragmentarisch aufdeckt. Als weiteren Clou zerteilt Hawkins diese Ich-Erzählungen in Tageszeiten, zumeist in morgens und abends.
Dieser Thriller hat noch weitere Figuren, nämlich Rachels Vermieterin Cathy, einen rothaarigen Mann am Bahnhof, Megans Psychologen Kamal und – wenn man aufpasst – einen Lover von Megan, von dem sie nur in der dritten Person spricht, ohne seinen Namen zu nennen. Wenn man das nicht vergisst, während man das Buch liest und verfolgt, wie sich die wenigen Verdächtigen nach und nach die Köpfe aus den Schlingen ziehen, wird nach Agatha Christies Methode, dass immer der Unverdächtigste der Mörder ist, schnell klar, um wen es sich dabei handelt. So billig wie hier setzte Christie selbst ihre Regel indes nie um, obschon Hawkins das Thema Gaslighting einigermaßen ansprechend einbindet.
Aber das ist nicht der einzige Wermutstropfen. Rachel, Megan und Anna neigen dazu, zu jammern. Ausführlich. Ohne deren mit weiterhin selbstverletzendem Verhalten kombiniertes Selbstmitleid, das man hier nicht mal als literarisches Psychogramm kategorisieren mag, wäre der Roman nur ein Fünftel so dick, aber zügiger zu lesen. Man quält sich durch diese Wimmerstrecken, deren Anlass man noch nicht mal sofort erläutert bekommt. Dafür nutzt Hawkins die volle Dicke des Buches, dass sie die längst cotraumatisierten Lesenden mit den jeweiligen Hintergründen lang hinhält. Es gibt eben Gründe für das Alkoholproblem von Rachel, klar, und natürlich auch für das absurd promiskuitive Verhalten von Megan, die sich gleichzeitig vor ihrem offenbar seine Impulskontrolle nicht im Griff habenden Gatten fürchtet, mit dem Rachel dann aber auch noch im Bett landet. Besoffen, versteht sich.
Während man also das Gejammer elendig emotionalisierend ausgewalzt bekommt, setzt Hawkins die handgezählt zwei inhaltlich relevanten Überraschungen beiläufig wie einen Pflock in die Geschichte, ohne genau damit dann wirklich emotional zu werden. Schließlich mündet alles in einem Showdown, der auf diese Weise mit einer vorab getroffenen Absicherung unnötig gewesen wäre, somit abermals an Spannung einbüßt. Was indes danach folgt, geht durchaus als versöhnlicher Abschluss durch.
Mit der Vorgehensweise, die Handlung in Tageszeiten aufzuteilen, wie nach Art von Tagebüchern, ohne dass es solche sein sollen, zerstört Hawkins zudem ihre eigene Thrillerintention: Sie deutet Geschehnisse oder Vorhaben an, die durchaus Spannung generieren könnten, und erzählt diese dann in der nächsten Tageszeit als Rückschau nach, anstatt die Lesenden direkt mit hineinzuziehen. Das macht die Geschichte ungemein passiv und bremst die Spannung zusätzlich. Außerdem gelingt es Hawkins nicht, den drei Frauen individuelle Sprachweisen anzudichten, sie denken und sprechen alle gleich. Und das auch noch gleich belanglos, Hawkins schreibt in jeder Hinsicht banal.
Erstaunlich genug, dass dieses Buch gleich zweimal verfilmt wurde, das erste Mal offenbar sogar vertraglich vereinbart, noch bevor das Buch überhaupt geschrieben war. Jener Film lässt die Handlung in New York stattfinden, der zweite ist eine indische Produktion für Netflix, die wiederum in London spielt. Rätselhaft ist dabei, warum man den Titel für den deutschen Markt stets um sein einleitendes The kürzt. Da hätte es anderes Kürzungspotential gegeben, obschon das Ergebnis dann trotzdem inhaltlich kaum wertvoller als ein Jerry-Cotton-Heft geworden wäre.
Paula Hawkins: Girl On The Train | Deutsch von Christoph Göhler
Blanvalet 2016 | 448 Seiten | Jetzt bestellen
