Nicolas Robel: Topo Limbo»…und was für einen Zweck haben schließlich Bücher, in denen überhaupt keine Bilder und Unterhaltungen vorkommen?« (Lewis Caroll, Alice im Wunderland)

In den Jahren 1991 – 2012 wurden die »Tollen Hefte« von dem Verleger und Illustrator Armin Abmeier herausgegeben. Sie erschienen zunächst im Maro Verlag, ab Heft 16 bei der Büchergilde Gutenberg. Alle Hefte sind von einem Schutzumschlag eingekleidet, 32 Seiten dick und sind fadengeheftet. Als zusätzliches Bonbon liegt ihnen eine Graphik oder ein Poster bei.

Der verlockende Reiz dieser buchkünstlerischen Kleinode liegt in der limitierten Auflage, der Original-Flachdruck-Graphik (vergleichbar mit einer Lithographie) und der einzigartigen Illustration und Gestaltung. Als Armin Abmeier nach einjähriger Krankheit im Sommer 2012 verstarb, übernahm seine Witwe Rotraut Susanne Berner auf seinen Wunsch hin die Herausgabe der bibliophilen Kostbarkeiten. In der Bücherwelt fest etabliert ist sie als Wimmelbuch-Macherin, wo sie ihrem verstorbenen Mann mit dem Buchhändler Armin ein Denkmal gesetzt hat.

Im März dieses Jahres erschien Heft Nr.41, das die Geschichte von drei Teenagern erzählt, die einen Ausweg aus einer fremden und unheimlichen Welt suchen. Der Mitte der Siebziger Jahre geborene kanadische Autor Nicolas Robel ist auch Illustrator, Graphiker und Verleger. Er sagt von sich, dass er zwischen mehreren Welten schwankt, bezeichnet sich als Traumtänzer und Papierliebhaber.

Zugegeben, ein wenig »verrückt« scheint die Geschichte von »Topo Limbo«. Im »Anderssein« liegt jedoch auch die Anziehungskraft dieses farbenfrohen Heftchens. Der Forscher und Amateurkartograph Nicholay Baker findet auf dem Müllplatz seines Heimatortes die herausgetrennten Aufzeichnungen eines Tagebuches, das von drei Jugendlichen Elan, Irayna und Leonyd verfasst wurde. Da er die Landschaft nicht kennt, beginnt er anhand der unvollständigen Notizen mit der Erstellung einer Karte und der chronologischen Ordnung der zusammenhanglosen Ereignisse.

Gibt es diese Welt überhaupt, die die Teenager beschreiben? Ihr Geheimnis bleibt unergründbar, das kleine Heftchen gibt jede Menge Rätsel auf, überlässt den Leser seinem Grübeln. Voller Ungewissheit entfaltet er die beiliegende einzigartige topografische Karte, brauchbare Hinweise suchend. »Die Suche nach der ultimativen Karte …« scheint ins Leere zu laufen, »… die Herausforderung, alles zu vermessen …« unannehmbar. »Glauben an etwas, was nicht wirklich existierte …« fällt schwer, denn »… unser Sehvermögen ist begrenzt, und doch wollen wir alles sehen.«

Loten die klein gedruckten Sätze am Rand der Karte den Sinn oder Irrsinn der Karte aus? Der einzige Bewohner der geheimnisvollen Insel ist ein Seelenräuber, ein Schattenkind. Die drei Teenies dokumentieren, dass sie den richtigen Weg gewählt haben. Doch sitzen sie in einem löchrigen Boot mit unbekanntem Ziel.

Die 1A-Schulausgangsschrift verleiht der Geschichte etwas Naives, Gutgläubiges; die grellen Farben der Illustrationen verwirren, die bunten Bilder wirken befremdlich. Skurrile Lebewesen, die da Menschen ähnlich sehen, dort Wolken, ein andermal grauen Schatten. Der Schritt von Limbo zu Limbus ist kurz. Sollten die drei Jugendlichen tatsächlich in der Vorhölle gefangen sein?

Die dunklen Gedanken und Vorstellungen entrücken Robels Heftchen dem traditionellen Jugendbuch, die unheimliche Spannung beim Entdecken und Rezipieren behält jedoch die Oberhand. Liegt das kleine, feine Kunstwerk in der Nähe, übt es einen Zauber aus, der einen zwingt, es in die Hand zu nehmen. Und augenblicklich blüht die Phantasie …

»Wir sind empfindliche Geschöpfe, umgeben von einer Welt feindlicher Tatsachen.«

Nicolas Robel: Topo Limbo | Deutsch von Tobias Scheffel
Edition Büchergilde 2014 | 32 Seiten | Jetzt bestellen

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