Nick Cave: Der Tod des Bunny Munro»Ich bin verdammt«, denkt Bunny Munro in jenem plötzlichen klaren Moment, der denen vorbehalten ist, die bald sterben werden. Er merkt, dass er irgendwann irgendwo einen schlimmen Fehler gemacht haben muss, aber diese Erkenntnis verklingt so schnell, wie sie gekommen ist. Jetzt steht er da, in einem Zimmer des Grenville Hotels und in Unterhose, allein mit sich und seinen Trieben.

Bunny Munro umgarnt einsame Hausfrauen mit Komplimenten und Kosmetikproben. Als Handelsvertreter ist er immer unterwegs und hat Frau und Sohn jahrelang vernachlässigt. Die Frau des notorischen Schürzenjägers erliegt ihren Depressionen und nimmt sich das Leben. Bunny hat plötzlich ein Kind am Hals, mit dem er nichts anfangen kann und das ihm bei seinen amourösen Abenteuern im Weg ist. Deshalb muss der neunjährige Bunny Junior meist im Auto oder im Hotelzimmer warten. Zum Zeitvertreib liest er sich durch eine Enzyklopädie und gibt sein Wissen in passenden wie unpassenden Momenten preis.

Bunny Munro ist kein sympathischer Mensch, sondern ein triebgesteuerter Egoist. Er sieht auf eine schmierige Art gut aus und kommt bei einem bestimmten Typ Frau gut an. Seine beste Zeit ist aber vorbei, bald wird er weniger Sex haben und nicht mehr wählerisch sein können, obwohl man ihm letzteres schon jetzt nicht vorwerfen kann. Er sinniert in einsamen Stunden viel über die anatomische Beschaffenheit von Kylie Minogue und Avril Lavigne (bei denen sich der Autor in den Danksagungen dafür entschuldigt). Bunny gehört zu einer aussterbenden Rasse. Es fällt schwer, dies als Verlust zu empfinden.

Irgendwann erlahmt das Leserinteresse an der Dauergeilheit des Protagonisten. Aber gerade deshalb funktioniert der Roman so gut. Eine Hauptfigur, bei der man ständig zwischen Mitleid und Verachtung schwankt, unterwegs in einem düsteren England aus Sozialbauten, Trinkern, einsamen Hausfrauen, verkrachten Existenzen und Jugendlichen ohne Zukunft. Die Sprache ist derb, ebenso das Verhalten der Personen. Manche Episoden unglaublich komisch, andere bedrückend oder schlicht deprimierend und bei den meisten möchte man einfach wegsehen bzw. weghören. Man fragt sich während der Lektüre des öfteren, warum soll ich mir eine so trostlose Geschichte antun? Die Antwort ist erschreckend simpel: Weil man nicht aufhören kann.

Der Musiker Nick Cave hat nach »Die Eselin sah den Engel« (1989) nun seinen zweiten Roman vorgelegt. Gelesen wird das Hörbuch von Blixa Bargeld, einem früheren Mitglied der »Einstürzenden Neubauten« und Gitarrist von Caves Band »The Bad Seeds«. Eine gute Wahl.

Nick Cave: Der Tod des Bunny Munro | Hörbuch | Gelesen von Blixa Bargeld
Der Hörverlag 2009 | 6 CDs | Jetzt bestellen

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