Neal Stephenson: ErrorZwei Dutzend seiner Verwandten hatten sich in lockeren Grüppchen entlang des Stacheldrahtzaunes zu seiner Rechten aufgestellt: Wer nicht gerade in die Senke schoss, lud nach. Entstanden war diese Tradition, als einige der jüngeren Burschen während des qualvollen Wartens auf Truthahn und Pie einmal die Gelegenheit haben sollten, etwas Dampf abzulassen. (…) Als Erwachsene, die selbst Kinder hatten, erschienen sie nun mit Flinten, Jagdgewehren und Faustfeuerwaffen im Kofferraum ihrer SUVs zu dem Treffen.

Richard Forthrast ist das schwarze Schaf seiner weitläufigen Familie. Vor dem Einzug in den Vietnam-Krieg ist er nach Kanada geflohen und hat mit Marihuana-Schmuggel über die Grenze sein Geld verdient, bevor er als Erfinder des Online-Rollenspiels »T´Rain« zum Miliardär wurde. In seinem Spiel ist nun ein Virus namens »Reamde« aufgetaucht, der Daten befallener Computer verschlüsselt und nur gegen ein Lösegeld wieder freigibt. Dies muss in Form einer virtuellen Währung innerhalb des Spiels gezahlt werden. Richards Adoptivnichte Zula gerät wegen ihres Freundes an die Russenmafia, deren Daten durch »Reamde« verloren gingen. Also wird sie in die chinesische Stadt Xiamen verschleppt, wo Hacker den Virus entwickelt haben. Dort treffen sie auf islamische Terroristen.

Die Inhaltsangabe würde zu meinem zukünftigen Lieblingsbuch passen und mit der entsprechenden Erwartungshaltung ging ich auch an die Lektüre. Die Ernüchterung erfolgte sehr schnell. »Error« ist natürlich nicht völlig misslungen, denn dazu ist Stephenson ein viel zu guter Autor, aber es gibt zwei Kritikpunkte, die meine Freude trübten.

Erstens, die Länge. Anscheinend hat Stephenson in seinen Verträgen stehen, dass er keine Bücher mehr unter tausend Seiten schreiben darf. Die Folge ist, dass selbst unwichtige Nebensächlichkeiten in lähmender Detailgenauigkeit erzählt werden. Die zahlreichen gelungenen, teilweise brillanten Szenen sind dadurch wie Inseln in einem Ozean aus Text.

Zweitens, die Dramaturgie. Virtuos konstruierte Kettenreaktionen und Helden, die von einem Fettnäpfchen ins nächste stolpern, sind gewöhnlich Garantien für gute Unterhaltung. Leider funktionieren diese Zutaten bei »Error« nicht. Alle »zufälligen« Verwicklungen erscheinen überzogen, unnötig und vermeidbar. Der Einstieg ist noch nachvollziehbar: Doch dann macht sich ein psychopathischer russischer Mafioso mitsamt Gefolge auf den Weg nach China. Zula nennt den Russen die falsche Stockwerksnummer, so dass diese die Wohnung islamischer Top-Terroristen stürmen. Die wiederum werden von einer englischen Geheimagentin und dem MI6 überwacht. Alle Beteiligten scheinen wegen Unwahrscheinlichkeiten und Belanglosigkeiten in die Handlung zu stolpern.

Neal Stephenson hat in »Snow Crash« virtuelle Welten geschaffen, in seinem Barock-Zyklus auf über 3000 Seiten das 17. Jahrhundert aufleben lassen und in »Anathem« ein Gesellschaftssystem auf einem fremden Planeten entwickelt. Diesmal hat er sich mit der Gegenwart beschäftigt, dafür aber die übliche üppige Fülle genutzt, wodurch sehr viele tolle Ideen einfach verpuffen oder verwässert werden. Auf die Hälfte komprimiert hätte daraus das werden können, als was »Error« vom Verlag beworben: Der Thriller des Jahres.

Neal Stephenson: Error | Deutsch von Juliane Gräbener-Müller und Nikolaus Stingl
Manhattan 2012 | 1.024 Seiten | Jetzt bestellen

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