Michel Serres: Was genau war früher besser?Nichts macht einen so alt wie das Gemecker über die Jugend von heute und dass früher alles besser war. Michel Serres versucht daher, der Gegenwart positive Seiten abzugewinnen.

Je älter man wird, desto mehr scheint man die Vergangenheit verklären zu müssen. Der Klassiker des »Früher war alles besser«-Modus: Damals hätten sich junge Männer auch geprügelt, aber wenn einer am Boden lag, war Schluss. Wirklich? War das so?

Manch einer mag sich beim genaueren Drübernachdenken auch an andere Szenen erinnern. Der 1930 geborene und im Juni diesen Jahres verstorbene französische Philosoph Michel Serres zum Beispiel. In seinem Essay »Was genau war früher besser?« weist er darauf hin, dass nicht nur die Kriminalitätsrate seit Jahrzehnten beständig sinkt (insbesondere bei Gewaltverbrechen), sondern dass Frankreich – sein Bezugspunkt – in der »guten alten Zeit« sicherlich nicht friedlicher war:

Früher, da zogen unsere Vorfahren in den Krieg von 1870 und unsere jungen Väter in den von 1914, in dem fast alle unsere Bauern fielen. Es folgten der Bürgerkrieg in Spanien, dessen Grausamkeiten das wundervolle Land mit Blut tränkte, dann der Zweite Weltkrieg mit all seinen rassistischen Greueln und schließlich die Kolonialkriege in Indochina und Algerien, wo ich selbst unter Waffen stand. Mein Großvater entging in der Schlacht von Sedan nur knapp dem Tod, mein Vater wurde von Kampfgasen vergiftet, und ich mußte die Suezkrise hinter mich bringen. So kannten meine Familie und ich ein Jahrhundert lang nichts als Krieg, Krieg, Krieg …

Oh, goldene Zeit der Jugend! So schön war es damals!

Serres dreht in seinem schmalen Bändchen den Spieß also ganz einfach (und sehr wirkungsvoll) um: Krankheiten? Aber die Medizin hat doch riesige Fortschritte gemacht! Arbeit? Nehmen uns nicht die Maschinen die schlimmste Plackerei ab? Das macht Spaß zu lesen, nur ab und zu gleitet er in einen leicht betulichen Tonfall ab und auch die Polemik gegen den marxistischen Kollegen Louis Althusser (»Die Aktivisten und ihr Lehrer Althusser hatten nicht die geringste Ahnung von der Ökonomie.«) kommt etwas unvermittelt und ist im Grunde genommen überflüssig.

Und nur ganz selten vertut sich Serres zur Gänze, wenn er sich anschickt, die französische Sprache verteidigen zu wollen:

Früher, nämlich während der Besatzung, tauchten an den Mauern von Paris und anderen französischen Städten mit einem Mal zahllose deutsche Wörter auf. Das hat mich den Abscheu vor herrschenden Sprachen gelehrt und die Liebe zu denen, die man auslöschen will. Da mir heute an den gleichen Orten mehr amerikanische Wörter begegnen als seinerzeit deutsche, die sich an die Nazis richteten, versuche ich, die französische Sprache zu verteidigen, die unterdessen zur Sprache der Armen und Unterlegenen geworden ist.

Denn einige Seiten später berichtet Serres, dass sein eigener Dialekt durchaus hinderlich gewesen sei:

Wegen meines okzitanischen Akzents habe ich mehr Demütigungen hinnehmen müssen als ein Irokese auf persischem Boden oder Afrikaner mitten im Deep South.

Wäre es also nicht ganz praktisch, wenn sich alle Menschen problemlos miteinander verständigen könnten? Ohne künstliche, menschengemachte sprachliche Hindernisse? Serres hat mit diesem Büchlein nicht nur ein schönes Erinnerungsstück hinterlassen, sondern auch einen anregenden Diskussionsbeitrag für die Gegenwart.

Michel Serres: Was genau war früher besser? Ein optimistischer Wutanfall
Deutsch von Stefan Lorenzer
Suhrkamp 2019 | 76 Seiten | Jetzt bestellen

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