Michel Houellebecq: ElementarteilchenDie körperliche Gewalt, die ausgeprägteste Erscheinungsform der Individualisierung, sollte in den westlichen Ländern die sinnliche Begierde ablösen. (Michel Houellebecq, »Elementarteilchen«)

In seinem kurz vor der Jahrtausendwende erschienenen Roman »Elementarteilchen« wollte Michel Houellebecq ein Porträt der westeuropäischen Gesellschaft zeichnen, wie sie damals war und in welche Richtung sie sich weiter entwickeln würde. Ausgehend von den einschneidenden Veränderungen der 60er und 70er Jahre, vor allem in Bezug auf den Umgang mit Sex und dem beginnenden Schönheitskult und Jugendwahn, beschreibt Houellebecq anhand von zwei exemplarischen Charakteren, wie die Menschen zunehmend unfähiger werden, selbstlos zu lieben oder einen Sinn in ihrer Existenz zu finden, und wie Nächstenliebe und Mitgefühl allmählich einem brutalen Egoismus Platz machen.

Von ihrer lieblosen Hippie-Mutter im Stich gelassen wachsen die Halbbrüder Brüder Bruno und Michel getrennt voneinander auf. Brunos Kindheit ist vor allem davon geprägt, dass er von seinen Mitschülern im Internat misshandelt wird. Als Erwachsener besteht sein einziger Lebensinhalt in der Suche nach aufregendem Sex und Sex mit jungen Frauen. Michel wird von seiner Großmutter liebevoll behandelt, schafft es jedoch nie, mit anderen Menschen Beziehungen einzugehen. Er lebt praktisch in sozialer Isolation und gibt sich ganz der wissenschaftlichen Forschung hin. Am Ende sind seine Erkenntnisse wegbereitend dafür, dass es den Menschen gelingt, eine Art »Brave New World« zu schaffen, in der die Fortpflanzung ohne Sex stattfindet und mit dem Sex auch Brutalität und Egoismus aus der Gesellschaft verschwinden.

Die Romanhandlung wird immer wieder von kurzen wissenschaftlichen Betrachtungen aus der Biologie, Geschichte und Philosophie unterbrochen und kommentiert. Nicht nur daran wird deutlich, dass es Houellebecq vor allem um seine These zur gesellschaftlichen Entwicklung geht; auch seine Charaktere dienen lediglich dazu, seine Theorien zu veranschaulichen. Man hat nicht den Eindruck, dass dem Autor irgendetwas an ihnen liegt oder er sich sonderlich für sie interessiert, was beim Lesen einen ähnlichen Eindruck der völligen Lieblosigkeit erweckt, die auch Houellebecqs Zukunftsszenario kennzeichnet.

Das Buch lässt einen trotz schockierender Elemente kalt. Da hilft es wenig, dass ab und zu angedeutet wird, dass es doch Ausnahmen gibt, also Menschen, die zu selbstloser Liebe fähig sind, vor allem Frauen – und hier fragt man sich angesichts Houellebecqs Überzeugung von dem Bösen im Menschen, ob es ernst gemeint ist, dass Frauen in einer Welt ohne Männer eine gewaltfreie, liebevolle, fast paradiesische Gesellschaftsordnung geschaffen hätten. Vielleicht wirken die Geschichte und ihre Charaktere auch so wenig überzeugend, weil sich Houellebecqs Prophezeiungen (zum Glück) nicht wirklich erfüllt haben.

Michel Houellebecq: Elementarteilchen | Deutsch von Uli Wittmann
Rowohlt Taschenbuch 2006 (5. Auflage) | 384 Seiten | Jetzt bestellen

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