Michael Kumpfmüller: Ach, Virginia»Liebster, ich bin mir sicher, dass ich wieder wahnsinnig werde: Ich habe das Gefühl, dass wir nicht noch eine dieser schrecklichen Zeiten durchmachen können. Und dieses Mal werde ich nicht wieder gesund werden. Ich fange an, Stimmen zu hören, und kann mich nicht konzentrieren. Also tue ich, was das Beste zu sein scheint.«

Die Schriftstellerin und Verlegerin Virginia Woolf gehört nicht nur wegen der Bedeutung ihrer Werke für die Frauenbewegung zu den großen Autorinnen des vergangenen Jahrhunderts. Sie litt ihr Leben lang unter einer bipolaren Erkrankung. Am 28. März 1941 stürzte sie sich mit einem schweren Stein im Mantel in das Flüsschen Ouse in der Grafschaft Sussex. In seinem neuen Buch »Ach Virginia«, das heute am 13. Februar 2020 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist, beschreibt Michael Kumpfmüller die letzten zehn Tage bis zu ihrem Selbstmord.

Virginia Woolf leidet unter dem Zweiten Weltkrieg, der Mitte 1940 auch das englische Festland erreicht hatte. Das Ehepaar Woolf hatte sich nach Rodmell zurückgezogen. Virginia erachtet ihren jüngsten Roman als misslungen und fühlt sich außer Stande zu lesen oder gar zu schreiben. Ihre Versagensängste nagen derart an ihr, dass sie ohne ihren Mann nicht mehr zurechtkäme. Sie ist sich ihrer Lage bewusst und möchte sich und Leonard eine weitere Zuspitzung ersparen. Ihr erster, unvorbereiteter Versuch, sich im Fluss Ouse zu ertränken, scheitert. In den letzten zehn Tagen, die Michael Kumpfmüller beschreibt, ziehen Ereignisse aus ihrem Leben noch einmal an ihr vorüber.

Einfühlsam und umsichtig schlüpft Michael Kumpfmüller in die Rolle des Erzählers, kehrt Virginias Innenleben nach außen und beobachtet das Geschehen mit ihren Augen. Nichts für Zartbesaitete, schwappt doch das gewaltige Gefühlschaos der Protagonistin immer und immer wieder über den Leser. Ausladend und schwer breitet der Autor die inneren Monologe Virginias aus und zieht den Leser in ihr Wirken, ihre tiefsten Depressionen und Konsequenzen für die Zukunft.

Es gibt keine Schulden. Das Leben ist keine Rechnung, die aufgeht oder nicht, es ist die Summe dessen, was der Fall gewesen ist, und das sollte sie mit ihren fast sechzig Jahren allmählich wissen, in ihren Büchern steht’s geschrieben.

So erfährt der Leser viel in den letzten zehn Tagen der großen Autorin. Ihre Selbstreflektionen gehen bis in ihre Kindheit zurück, die Übergriffe ihrer Brüder wiegen schwer. Als gefeierte Nachwuchsschriftstellerin in London hat Virginia Woolf in Gesellschaft immer wieder Probleme. Ebenso ausführlich liest man Einzelheiten über ihr Verhältnis zu der Schriftstellerin Vita Sackville-West.

Michael Kumpfmüller zeichnet äußerst einfühlsam und metaphernreich ein sehr differenziertes Bild von Virginia Woolf. Ihre Persönlichkeit nähert sich dem Rezipienten wie selbstverständlich. Man lernt ihre extrem ich-bezogene Seite kennen, ihre Zerbrechlichkeit und staunt über die teilweise merkwürdigen Verhaltensweisen. Man kann ihre Gedankengänge nachvollziehen und fühlt mit ihr – auch, wenn man ihre egozentrischen Betrachtungen nicht immer versteht. Die Hintergründe, die Woolf formten, durchdringen den Text wie ein unsichtbares Netz. Das schützt sie nicht vor ihrer Verantwortlichkeit, wohl aber vor Verurteilung.

Michael Kumpfmüller ist mit diesem Roman ein leidenschaftliches Porträt einer streitbaren Frau gelungen, dem eine große Leserschar gewünscht sei.

So, und jetzt muss sie wirklich los. Sie kennt das ja, man muss sich einen Ruck geben, und dann springt man oder lässt sich fallen und ist auf einmal ganz woanders, als man gewesen ist.

Michael Kumpfmüller: Ach, Virginia | Deutsch
Kiepenheuer & Witsch 2020 | 240 Seiten | Leseprobe und mehr | Bestellen

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