Michael Chabon: MoonglowEs ist schon merkwürdig: Obwohl Michael Chabon im englischsprachigen Raum zu den ganz Großen gehört, konnte er in Deutschland nie ein Massenpublikum für sich begeistern. Das mag viele Gründe haben. Manche seiner Bücher sind deutschen Lesern vielleicht zu amerikanisch. Dazu gilt sein Interesse nicht dem Gewöhnlichen, sondern dem Abseitigen und Sonderbaren. Während sein Kollege John Updike als »Chronist des Mittelstandes« berühmt wurde, kann man Chabon kein solch verkaufsförderndes Etikett aufdrücken.

Chabon entzieht sich jeder Art von Klassifizierung, indem er von Genre zu Genre springt. Mit jedem Buch scheint sich der einstige Pulitzer-Preisträger neu erfinden zu wollen. Und doch gibt es stetig wiederkehrende Themen, wie Familie und Freundschaft. Vor allem aber beschäftigt ihn das Hadern mit der eigenen Religiosität.

In »Moonglow« ist es sein Großvater, der zwischen Skepsis und Glaube schwankend mit dem eigenen Judentum hadert. Ausgerechnet in der »Schul« (=Synagoge) lernt er seine zukünftige Frau, die Überlebende eines Konzentrationslagers, kennen. Die rätselhafte Schönheit schlägt ihn sofort in ihrem Bann, denn er ist vor allem ein Träumer, der von Raketen und fernen Planeten fantasiert, auch wenn er vorgibt, das Leben aus der rationalen Perspektive eines Ingenieurs zu betrachten.

Auf dem Sterbebett, zwischen Wackelpudding und Hühnersuppe, erzählt er seinem Enkel sein wechselvolles Leben. Wie er als Junge – ausgerechnet mit einer bärtigen Frau vom Jahrmarkt – erste sexuelle Erfahrungen macht, wie er später, kurz vor Kriegsende, im zerbombten Deutschland dem V2-Erfinder Wernher von Braun auf der Spur ist, und wie er schließlich im Gefängnis landet, nachdem er in einem Wutanfall seinen Chef mit einer Telefonschnur zu erdrosseln versucht. Ganz wie von Braun möchte er Raketen bauen, die bis zum Mond fliegen und noch weiter. Doch ausgerechnet seine kleine Familie macht diese Träume zunichte. Als alter Mann beschleicht ihn das Gefühl, sein Leben mit Nebensächlichem vergeudet zu haben. Doch hat er das wirklich?

Das Leben dieses Großvaters ist ein lückenhaftes Puzzle, das sich selbst seiner Familie nie ganz erschließt. Nichts ist so, wie es scheint. Über fünf Jahrzehnte ziehen so an uns vorbei. Ständig wechselt Chabon dabei die Erzählebenen. Ein Kniff, der zusätzliche Spannung erzeugt.

Wer das Vorwort überspringt, könnte fast glauben, dass die Geschehnisse der Wahrheit entsprechen, so gewissenhaft breitet Chabon seine imaginäre Familienchronik vor uns aus. Immer wieder streut er Fußnoten ein, in denen er die Handlung ironisch kommentiert. Vielleicht ist es dieser permanente Balanceakt, zwischen Drama und sanfter Ironie, der manchen Lesern nicht behagt.

Das Buch wimmelt vor skurrilen Figuren, wie dem Playboy und schwarzen Schaf der Sippe, Onkel Ray, dem glücklosen Knastbruder Dr. Storch und nicht zuletzt Pfarrer Nickel, der um das Seelenheil etwaiger Marsbewohner besorgt ist. Chabon ist dabei, wie immer, ein begnadeter Erzähler, der sich seinen Sujets eher kreisförmig annähert. Doch es sind gerade seine kleinen Umwege und Abschweifungen, die seinen Büchern ihre Einzigartigkeit verleihen. Die vielen jiddischen Redewendungen der Originalausgabe verleihen dem Ganzen einen zusätzlichen Charme. In »Moonglow« hat Chabon all seine Spleens und Obsessionen auf die Spitze getrieben. Es ist sein Meisterwerk.

Michael Chabon: Moonglow | Englisch
Harper 2016 | 430 Seiten | Jetzt bestellen

Deutschsprachige Ausgabe:
Michael Chabon: Moonglow | Deutsch von Andrea Fischer
Kiepenheuer & Witsch 2018 | 496 Seiten | Jetzt bestellen

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