Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen aufErzählt wird die Geschichte einer Familie, die vom Balkan nach Zürich migriert ist. Die beiden Schwestern Ildikó und Nomi wachsen in zwei Gesellschaften auf, die innerhalb eines Kontinents wohl kaum unterschiedlicher sein könnten. Auf der einen Seite steht ihre Kindheit in der Vojvodina (heutiges Serbien) mit ihrer liebevollen Großmutter, vielen Tieren und einer umfangreichen Verwandtschaft. Die ganze Region ist immer noch vom Krieg gezeichnet, jede Familie trägt ihre individuelle Vergangenheit mit sich und der Weg in eine wohlhabende, friedliche Gesellschaft ist noch weit.

Auf der anderen Seite steht ihr neues Leben in der Schweiz, wo sie gemeinsam mit ihren Eltern ein kleines Lokal betreiben, mit anderen Jugendlichen über Alles und Nichts philosophieren und sich darüber klar werden, wo ihr Weg sie hinführt. Sie erleben einen ständigen Wechsel zwischen dem aufgeräumten, modernen Zürich und der chaotischen, aber liebevollen Familie in Serbien, den sie zunehmend reflektieren, zumal ihre Vergangenheit sie immer wieder einholt.

Ich habe mich sicher an dieses Fenster verloren, an Tafeln, die durchgestrichene Ortstafel ZENTA, CEHTA, SENTA, es hatte für mich damals keine Bedeutung, dass der Name unserer Kleinstadt drei Mal geschrieben stand, auf Serbokroatisch, in kyrillischen Buchstaben, auf Ungarisch.

Der Roman beleuchtet ein Kapitel europäischer Geschichte, das in der deutschsprachigen Literatur verhältnismäßig wenig Beachtung findet. Die Zersplitterung der Balkan-Staaten, die Folgen für die Bevölkerung und der Kontrast zweier Realitäten stoßen hier aufeinander und wecken bei mir das Bedürfnis, mehr über die damaligen Geschehnisse zu erfahren. Gleichzeitig wird einem vor Augen geführt, was es bedeutet, sich als Migrant*in in einer anderen Gesellschaft beweisen zu müssen.

Wir haben hier noch kein menschliches Schicksal, das müssen wir uns erst noch erarbeiten, so lautet das Motto der Mutter. Das bedeutet für sie auch, bis zu einem gewissen Grad unsichtbar zu sein: keinen Ärger verursachen, immer lächeln, die eigene Identität stückweise verbergen und keinen Lärm machen. Die Erwartungen der Schweiz sind hoch, doch ebenso die der Verwandtschaft in der Vojvodina. Diese muss einen Schicksalsschlag nach dem nächsten abfangen, steckt irgendwo zwischen Vergangenem und Veränderung und sie alle eint die Trauer um verlorene Familienmitglieder.

An diesem blauen Novembertag dachten wir an unsere Verstorbenen, Grosstanten und Grossonkel, an unsere Grosseltern, die wir nie kennengelernt haben, Mutters Mutter und Papuci, für Sie, Mamika, haben wir ein Lied gesungen, und in Ihrem Namen haben wir darum gebeten, dass die Lebenden nicht vor ihrer Zeit sterben.

»Tauben fliegen auf« wurde 2010 zurecht mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Die Thematik ist aktueller denn je und die Geschichte geht ans Herz und stimmt nachdenklich. Melinda Nadj Abonji verwendet eine wunderbare Sprache, deren Lesefluss nur von einer zu wirren Kommasetzung gestört wird. Sie bringt die Herausforderungen der Familie, die stellvertretend für so viele andere stehen kann, klar auf den Punkt und findet die richtigen Worte, um das Leid, aber vor allem die kleinen Freuden des Lebens zu beschreiben.

Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf | Deutsch
Jung und Jung 2010 | 320 Seiten | Jetzt bestellen

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