Max Czollek: Desintegriert Euch!»›Desintegriert euch!‹ von Max Czollek ist das Buch, das ich euch zwingen würde zu lesen, dieses Jahr (wenn ich könnte und dürfte)«, schrieb Sophie Passmann vor einigen Monaten auf Instagram. Nun gut, wenn Frau Passmann Bücher empfiehlt, braucht es bei mir meist nicht besonders viel Zwang, um zumindest mal einen Blick in die entsprechende Lektüre zu werfen. Der erste Blick auf Czolleks Buch war dann auch recht vielversprechend: ein spannendes Cover, ein wichtiges Thema und ein Titel, der direkt zum Nachdenken anregt.

»Desintegriert euch!« ist eine Streitschrift, die tut, was sie verspricht. Sie will provozieren, legt eine klare Haltung an den Tag und kommt mit Thesen daher, die einem nicht schön verpackt in die Hände gelegt, sondern eher vor die Füße gespuckt werden. Um das Fazit vorweg zu nehmen: Ich bin begeistert! Aber worum geht es eigentlich? Was soll das sein, diese Desintegration?

Max Czollek schreibt als Jude teils über Antisemitismus und jüdisches Leben in Deutschland, aber vor allem über die Deutschen selbst und ihr Verhalten bezüglich ihrer Erinnerungskultur. Schnell wird klar: Czollek ist nicht zufrieden und er hat allen Grund dazu. Stück für Stück nimmt er alles auseinander, was sich die Deutschen jahrzehntelang zurechtgelegt haben, dass es zwar ein bisschen im Gewissen zwickt, wenn man an den Nationalsozialismus denkt, aber eben auch nicht zu sehr.

Über die Juden weiß man als Deutsche*r eben vor allem, dass man sie umgebracht hat. Das hat zur Folge, dass der deutsche Blick die real existierenden Juden und Jüdinnen verfehlt. Diese Ignoranz wird stabilisiert durch die Angst, die Juden und Jüdinnen könnten weniger freundlich, weniger glücklich und versöhnlich sein, als man sich das erhofft und braucht, um selbst mit gutem Gewissen in Deutschland leben und Deutsch sprechen zu können.

Czolleks Schrift ist polemisch und gerade deswegen ein wichtiges Buch für alle, die in diesem Land leben. Das macht nicht immer Spaß, aber das soll es ja auch nicht. Czollek empört sich. Zentral dabei ist der Begriff des Theaters: Gedächtsnistheater nennt er den Umgang der Deutschen mit der Vergangenheit. Integrationstheater nennt er das, was heute von Juden und Jüdinnen, aber auch von Migrant*innen verlangt wird. Es ist anstrengend, sich mit der eigenen Vergangenheit einer Täter*innengesellschaft auseinanderzusetzen, und es ist anstrengend, sich auf Menschen einzulassen, die andere Perspektiven mitbringen, als man sie in Deutschland gewöhnt ist. Und weil es so anstrengend ist, lässt man es auch in der Regel einfach sein und erwartet von allen anderen, dass sie mitspielen.

Die überwiegende Mehrheit der Deutschen hat vor einigen Jahrzehnten entschieden, kein Problem damit zu haben, Menschen, die als Juden markiert wurden, auszuschließen, zu enteignen, zu vernichten. Diejenigen, die dabei nicht am Gashahn standen oder in Europa Massengräber füllten, zogen anschließend in die leeren Wohnungen, übernahmen die Jobs, lasen die Bücher und aßen mit dem Besteck der Vorbesitzer*innen. Wenn mir heute irgendwelche Deutschen meiner Generation erklären wollen, dass sie genug von der Erinnerung an den Nationalsozialismus haben, dann erlebe ich das als Fortsetzung dieser Kränkung.

Diesem Spiel will Czollek ein Ende setzen und deswegen ruft er zur Desintegration auf. Desintegration heißt: sagen, was nicht gehört werden will, hinschauen, wo alle wegsehen und fordern, was einem zusteht. »Desintegriert euch!« ist auch eine Warnung. Das Buch warnt davor, sich nicht von AfD und Co. vereinnahmen zu lassen und ebenfalls weiter nach rechts zu rücken. Ein rechtskonservativer Innenminister im Heimatministerium, Verharmlosung rechter Gewalt oder die positive Setzung von Heimat und Leitkultur sind fatale Schritte in die falsche Richtung. Nationalismus ist gefährlich und er beginnt schon bei sogenannten Sommermärchen. Es kann keinen positiven Patriotismus geben.

Normalität bedeutet in diesem Land nicht nur Deutschlandfahne und fröhliche Fanmeile am Brandenburger Tor, sondern auch völkischen Nationalismus und attackierte Flüchtlingsunterkünfte. Rechtes Denken hat eine besondere Qualität in Deutschland. Weil das so ist, will dieses Buch mit größstmöglichem Nachdruck für mehr Unnormalität plädieren. Wir müssen weg von der Sehnsucht nach Normalität.

Max Czollek hat in dieser Zeit einen wichtigen Beitrag geleistet und ich empfehle sehr, das Buch zu lesen. Lasst es auf euch wirken, seid kritisch und nehmt euch die Worte zu Herzen.

Max Czollek: Desintegriert Euch! | Deutsch
Hanser 2018 | 208 Seiten | Jetzt bestellen

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