Martin Mosebach: Das Bett Es war, als habe sich sein Entschluss im gleichen Augenblick, in dem er eingeschlafen war, als seine Leibwache neben ihm niedergelassen und sei wieder vor die Augen des Herrn getreten, als dieser erwacht war.

Man hört öfter von Lesern, die Mosebachs Romane langweilig finden, aber wahrscheinlich lesen sie sie falsch. Man muss sich hier einfach von der Sprache, der Formulierungskunst, dem Einfallsreichtum der Vergleiche und Bilder und der Ironie der Charakterzeichnung unterhalten lassen, bis der Inhalt der erzählten Geschichte irgendwann, ganz nebenbei und unbemerkt, den Leser fesselt. »Das Bett« jedoch erschien mir von Anfang an spannend.

Erzählt wird die Geschichte von Stephan Korn, dem Sohn der reichen Amerikanerin Florence und ihrem ebenso reichen Frankfurter Ehemann. Stephan führt aufgrund dieses Reichtums und der unangetasteten gesellschaftlichen Stellung seiner Familie ein Leben, in dem er unbeschwert und nahezu unbehelligt seinem Egoismus frönen kann, der ihm jedoch nicht einmal bewusst ist, weil Stephan nicht viel über das Leben oder seine Handlungen nachdenkt. Er ist ein Träumer und einer jener Menschen, der ohne sein Zutun die Fähigkeit besitzt, »sich die Herzen zu gewinnen, ohne die Hände dabei aus den Hosentaschen zu nehmen.«

Stephan entgeht den Wirren des Zweiten Weltkriegs teils durch die rechtzeitige Übersiedelung der Familie nach New York, teils durch die Diplomatenstellung, die er in Frankreich zu Kriegszeiten ausübt, ohne dabei etwas wirklich Wichtiges zu tun. Mit seinem Status wäre es ihm ein Leichtes, Aimée, einer der vielen Frauen, mit denen er kurze Affären hat, behilflich zu sein und sie vor dem Flüchtlingsschicksal der Verfolgung zu bewahren, doch er unterlässt es mit der eingangs zitierten Entschlossenheit in einer Art Kurzschlussreaktion – aus Bequemlichkeit, aus Angst, aus Schwäche? Es ist ein sehr subtiles psychologisches Porträt, das Mosebach hier zeichnet. Er erzählt die Geschichte irgendwie unauffällig, ohne Pathos, mit einer unaufdringlichen Ironie, die die Kurzsichtigkeit der Charaktere weder mitleidlos behandelt noch entschuldigt, Stephans Handlungsweise aber bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar werden lässt.

Stephans Charakter ist auf komplexe, aber nicht absonderliche Weise von dem Verhältnis zu seiner Mutter und seinem ehemaligen Kindermädchen Agnes geprägt, an der in den Augen seiner Mutter »ebenso viel Dämonisches war wie an einem Putzeimer.« Florence strengt einen befreundeten Psychiater an, Stephan einer Freudschen Analyse zu unterziehen, der Stephan mit Schweigen begegnet und mit der er nicht viel anfangen kann. Als er nach Frankfurt reist und dort Agnes besucht, lernt er die Tante des Erzählers kennen und unternimmt einen halbherzigen Versuch, sich aus den Fängen seiner Mutter zu befreien, wobei er sich vorstellt, dass seine »Rettung« der Tante aus ihrem trostlosen Leben sein früheres Versagen gegenüber Aimée kompensieren könnte, obwohl Stephan nur auf sehr unklare Weise Reue empfindet.

Stephans Ausbruchsversuch aus seinem oberflächlichen Leben scheitert daran, dass Aimée, die er inzwischen in seiner träumerischen Verklärung totgeglaubt hat, in Frankfurt zufällig wieder in sein Leben tritt. Das Zusammentreffen mit ihr veranlasst Stephan zu einer panischen Flucht in die Arme seiner Mutter und führt so nicht zur Wiedergutmachung, sondern zur Zerstörung eines weiteren Menschen.

Martin Mosebach: Das Bett | Deutsch
dtv 2002 | 509 Seiten | Jetzt bestellen

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