Martin Cruz Smith: Stalins GeistEigentlich hasse ich Kriminalromane, denn es ist mir vollkommen schnurz, wer den exzentrischen Colonel Appleby mit dem Schürreisen erschlagen, die neugierige alte Dame von nebenan mit Arsen vergiftet oder den zwielichtigen Ölmagnaten unter Zuhilfenahme blauer Bohnen ins Jenseits befördert hat.

Besonders zuwider sind mir Szenen, in denen alle Hauptverdächtigen in einem Raum versammelt werden, und der clevere Detektiv/Inspektor/Kommissar – rechtzeitig auf Seite 358 – eine verblüffende Auflösung des Geschehenen aus dem Ärmel zaubert. Nur bei Martin Cruz Smith und seinem halsstarrigen Ermittler Arkadi Renko mache ich gern eine Ausnahme. Hier ist der Kriminalfall eigentlich Nebensache. Viel wichtiger sind die Schilderungen eines totalitären Systems, in dem nach dessen Zusammenbruch das Leben der Menschen völlig auf dem Kopf gestellt wurde.

In »Gorki Park«, dem ersten Roman der Reihe, wird Arkadi Renko, Chefermittler der Moskauer Kriminalpolizei, sein Pflichtbewusstsein zum Verhängnis. Im zweiten Roman »Polar Star«, meiner Meinung nach der beste der Rehe, muss Renko – degradiert und gedemütigt – in der klaustrophobischen Enge eines Fabrikschiffs im ewigen Eis um sein Leben laufen. In »Das Labyrinth« erlebt er den endgültigen Zusammenbruch des Kommunismus hautnah und kann sogar einmal ein Happy End für sich verbuchen.

Wahrscheinlich hätte Cruz Smith seinen Helden mit diesem Buch in Rente geschickt, wenn der Untergang der Sowjetunion nicht so eine enorm faszinierende Wirkung hätte. Wie auf dem Deck der sinkenden Titanic spielen sich im heutigen Russland grausige Szenen ab. Linientreue Genossen wurden über Nacht zu hemmungslosen Raubtierkapitalisten ohne jegliche Skrupel. J.R. Ewing hat es schließlich vorgemacht.

Seitdem muss Cruz Smith jedenfalls keine Angst haben, dass ihm die Stoffe ausgehen. Moskau ist die prächtigste Kulisse für Kriminalromane und Politthriller, die sich ein Autor nur erträumen kann. In »Stalins Geist« dreht sich alles um den Genossen Josef Stalin, dessen Abbild angeblich eines Nachts in der Moskauer U-Bahn gesichtet wird. Ein Fall für Renko, der natürlich wieder viel mehr herausfindet, als für ihn und seine Karriere gut ist.

Er ist und bleibt eben ein zwanghafter Charakter, was einen großen Teil seines Charmes ausmacht. Zentrales Thema ist jedoch wiederum kein schnöder Mordfall (den gibt es auch), sondern der Geist des Kommunismus und die Sehnsucht der Russen nach der schlimmen alten Zeit, die inzwischen von vielen romantisch verklärt wird. Mord und Totschlag in Zeiten der Ostalgie eben. Garniert mit Kriegsverbrechen, Massengräbern und den Kindheitserinnerungen des wackeren Ermittlers.

Wie immer ist die Schilderung einer zerfallenden Gesellschaftsordnung zwischen Armut, Dekadenz und totaler Korruption das Fesselndste an dem Buch. Man merkt auf jeder Seite, dass Cruz Smith einst als Journalist gearbeitet hat. Kaum jemand verpackt sperrige Themen so unterhaltsam wie er. Gerade das hebt seine Bücher aus der Masse der reinen Unterhaltungsliteratur hervor. Obwohl dies der sechste Roman der Reihe ist, versteht es der Autor immer wieder seinem Helden neue Seiten abzugewinnen. Es ist einer jener Romane, die man in einem Rutsch durchliest. Ein echter Schmöker eben.

Martin Cruz Smith: Stalins Geist | Deutsch von Rainer Schmidt
C. Bertelsmann 2007 | 368 Seiten | Jetzt bestellen

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