Martha Grimes: Karneval der TotenEin kleines fünfjähriges Mädchen liegt tot im Rinnstein, erschossen, die Kugel heimtückisch eingedrungen in den Rücken dieses unschuldigen Kindskörpers. Eine unfassbare Tragödie, mit deren Aufklärung einmal mehr Inspektor Richard Jury beauftragt wird. Ist es das stetig fortschreitende Alter oder die besondere Heimtücke dieser hinterhältigen Tat, die den Ermittler von Scotland Yard nahezu paralysiert, kaum fähig die Untersuchungen zügig in die Gänge zu bringen? Oder sind es die persönlichen Schicksalsschläge, die ihm mehr und mehr den Atem rauben? So auch diesmal, als er vom Tod seiner Cousine erfährt, zu der er zu Lebzeiten ein eher reserviertes Verhältnis hatte.

Ein weiterer Mord hält den misanthropischen Hüter des Rechts in Atem: auf dem einst so mondänen Herrensitz Angel’s Gate wurde eine Unbekannte brutal aus dem Leben gerissen. Jurys Mitgefühlt gilt voll und ganz Declan Scott, dem Hausherrn von Angel’s Gate, ein Mann, der sich trotz schrecklicher Schicksalsschläge (seine Frau gestorben, seine Stieftochter spurlos verschwunden) seine Würde bewahrt hat. Und so begibt sich Jury auf den Weg zu ebendiesem Anwesen, im Schlepptau das bewährte Team mit Higgins, seinem hypochondrischen Assistenten und Melrose Plant, dem adligen Bonvivant, der diesmal inkognito als Fachmann für Rasenplaggen und Cloisonnégärtchen auftritt, was bei aller Tragik des Falles für einige sehr vergnügliche Szenen sorgt.

»Ich kann mir nicht denken, dass einen die Beschäftigung mit Rasenplaggen zeitlich sehr in Anspruch nimmt?«

»Nein, im Grunde erst, wenn man tot ist.« antwortete Melrose.

Aber es sind nicht nur die Morde, denen Richard Jury auf die Spur kommen muss. Zu allem Übel scheinen sich auch noch Verbindungen zu einem Pädophilenring aufzutun und bis zur Lösung des vertrackten Falles hat Jury nicht nur seine Karriere aufs Spiel gesetzt, sondern auch der Hölle auf Erden ins Auge geblickt.

Martha Grimes gelingt es vortrefflich bei allem Schrecken, denen sich Jury und der Leser aussetzen, doch auch immer wieder vergnügliche, entspannende Szenen einzuflechten, seien es die unterkühlt erotischen Begegnungen mit seiner Nachbarin Carol-Anne oder die Treffen im Pub mit seinen Freunden, bei denen der Leser dann unter anderem Zeuge eines literarisch zumindest fragwürdigen Henry James-Wettstreites wird.

Im Original ist der Roman mit dem Namen eines Pubs betitelt, wie übrigens alle Bücher der Inspektor Jury-Reihe. Hier handelt es sich um »The Winds Of Change«. Der deutsche Titel »Karneval der Toten« ist auch nach der Lektüre des Buches nicht nachvollziehbar. Wer jedoch ein Faible für intelligente, handwerklich überzeugende britische Kriminalromane hat, wird die Lektüre genießen. Fans von Inspektor Jury, zu denen ich mich ab sofort zähle, tun dies sowieso.

Martha Grimes: Karneval der Toten | Deutsch von Cornelia C. Walter
Goldmann 2008 | 448 Seiten | Jetzt bestellen

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Close