
Wer wie der Rezensent in der Lüneburger Heide aufzuwachsen gezwungen war, kann die bitteren Details in Markus Thielemanns zweitem Roman »Von Norden rollt ein Donner« bestätigen, und da vieles darin Beschriebene auf eine Weise in diese Schäferei-Geschichte eingebaut ist, dass man wie der hypersensible Hütehund mit der Nase darauf gestoßen wird, fallen einem die Ungeheuerlichkeiten wie Genickschläge zurück ins Bewusstsein. So ist das Buch eine Art Abbild dessen, was das Leben in der Heide ausmacht, kombiniert mit einer metaphysisch angereicherten Charakterzeichnung und einer bisweilen ins Poetische neigenden Erzählweise. Hermann Löns, die Heide brennt!
Jede Familie trägt wohl irgendein Ereignis mit sich herum, eine Schuld, eine Erbsünde, über die nicht gesprochen wird, die als allenfalls angedeutetes Geheimnis vage Schatten wirft, die aber das Verhalten der Verursachenden beeinflusst und die sich in die Erziehung der Nachkommen und deren Nachkommen einschleicht wie eine psychische Krankheit. So ergeht es Jannes, der gerade in die Erwachsenenwelt übergegangenen Hauptfigur in »Von Norden rollt ein Donner«. Seine Oma – bezeichnenderweise heißt sie wie die Kulturpflanze, die sein Leben bestimmt: Erika – kommt in ein Altenheim, seinem Opa Wilhelm haftet das Gestrige an, wohingegen dessen vergleichsweise progressiver Schwiegersohn, Jannes‘ Vater Friedrich, nach unbestimmten Untersuchungen mit Ergebnissen vom Nervenarzt zurückkehrt, über die zwar niemand spricht, die aber dazu beitragen, dass er auch von seiner Gattin Sibylle aus der Verantwortung herausgenommen wird.
Jannes‘ alte Freunde führen andernorts neue Leben, die einzigen verbliebenen Gemeinsamkeiten sind die Trinkveranstaltungen, zu denen sie sich gelegentlich und zusehends seltener via WhatsApp verabreden. In der Heide nahe Unterlüß geblieben und dann auch noch, wie seine Vorfahren, Schäfer geworden ist nur Jannes. Mit zwei Collies als Begleitung führt er haufenweise Heidschnucken durch die unendliche Lüneburger Heide – und begegnet immer wieder einer mystischen Frau, deren Erscheinung er als real empfindet, die sich alsbald indes als fiebriges Trugbild herausstellt und die, in Kombination mit den demenzbedingten vermeintlich wirren Äußerungen der Oma, auf ein katastrophales Familiengeheimnis hindeutet, dessen Schuld bis hin zu Jannes quer durch die Generationen unbewusst die Seelen peinigt.
Während Jannes nun glaubt, wie sein Vater einer Nervenkrankheit aufgesessen zu sein, und versucht, diese vor seiner Familie zu verbergen, findet ringsum das aktuelle Heideleben statt. Heißt hier: Es gibt eine diffuse, weil bisher unbegründete Angst vor dem zurückgekehrten Wolf, der mit den Heidschnucken die Existenzgrundlage der Bauern reißen würde, und gegensätzliche Haltungen dazu, auch innerhalb Jannes‘ Familie. Ein Team vom NDR dreht mit jener eine Reportage über die Schäferei, da kommt dies auch zur Sprache. Eine Bürgersprechstunde bringt die Positionen gegeneinander auf, Jannes‘ Vater greift die Anregung eines neuen Nachbarn auf und veranstaltet ein Osterfeuer, das den Wolf vertreiben und die Öffentlichkeit auf die Problematik aufmerksam machen soll. Und von Norden rollt ein Donner, der bisweilen auch von der Kampfmittelindustrie in der Nähe rühren könnte.
Die fiebertraumartigen Begegnungen mit Rose, jener mythischen Erscheinung, und Jannes‘ Versuche, hinter deren Botschaft zu kommen, bestimmen den Kern dieser Geschichte. Der Heidealltag und die Heidehistorie sind Randerscheinungen, die die Leserschaft mitnehmen muss, weil es Jannes eben nicht besser ergeht, und viele dieser Randerscheinungen sind äußerst unbequem. Einige so alltäglich wie überall, andere spezifisch auf die Gegend beschränkt.
Die Verehrung des nationalistischen und antisemitischen so genannten Heidedichters Hermann Löns ist da nur ein bitterer, aber naheliegender Aspekt, der indes an Bitterkeit zulegt, sobald der neue Nachbar ganz unverdächtig für Löns zu schwärmen beginnt – und Jannes beinahe beiläufig Insignien des Rechtsradikalen bei dem hilfsbereiten, freundlichen Neuheidjer ausmacht, etwa die Wolfsangel oder bestimmte Shirt-Aufschriften. Niemand in diesem Buch nimmt allerdings Anstoß daran, erkennt gar die Zeichen, obschon Jannes kurz eher neugierig als kritisch nachfragt, denn der Nachbar hütet sich, konkret zu werden, und greift vielmehr die ihm passende Grundstimmung der Gegend auf und verstärkt sie. Ausgerechnet dort, wo Hitlers Schergen das Konzentrationslager Bergen-Belsen betrieben, nisten sich zunehmend mehr rechtsoffene bis rechte Familien ein und unterwandern die Dörfer, das ist eine aktuelle Realität in der Heide, die im blaubraunen Rauschen aus dem Osten reichlich in den Hintergrund tritt. In diesem Buch allerdings auch, und man kann dem Autor dennoch abnehmen, dass er da kritischer ist als seine Protagonisten. Immerhin erspart er den Lesenden so die erwartbar aussichtslose Auseinandersetzung mit dem Rechtsbösen, das hätte hier den Rahmen auch nur gesprengt. Als unterschwellige Bedrohung schwingt es dennoch mit.
Wie so einiges ist dies ja ohnehin lediglich ein Randaspekt der Geschichte, und da beweist Thielemann in den Details eine erschreckend gute Ortskenntnis: Er weiß, wie es ist, in der Ödnis aufzuwachsen. Er weiß auch, wie es ist, wenn Heerscharen von Touristen einfallen und dem Hirten zu Leibe rücken; so etwas erlebte der Rezensent als Begleiter eines befreundeten Heidschnuckenschäfers selbst einmal. Fußball-Gucken in der CD-Kaserne in Celle, das strukturschwache militärische Umfeld im Süden der Heide und die Freizeitparkattraktionen in deren Norden, lokale Besonderheiten, Thielemann kennt sie, als sei er selbst Heidjer, ganz wie Jannes. Das historisch bedingte Thema Schuld ist ihm nicht minder fremd, nicht nur die während des Zweiten Weltkriegs angehäufte, sondern auch danach, als die Flüchtlinge aus den Ostgebieten in die Heide fielen und das fahrende Volk, wie es hier freundlich umschrieben ist, um das mit Z beginnende Wort zu vermeiden, das stattdessen zum Sprachgebrauch gehörte, den Heidebauern zum Feindbild wurde. Auch solche Geschichten hatte sich der Rezensent dereinst »von früher« anzuhören. Der Wolf ist da nun im Buch nurmehr ein Sündenbock, den man loswerden will wie eine drückende Erinnerung.
Der noch sehr junge Jannes ist ein sympathischer, besonnener, vernünftiger Mensch, mit dem sich zu identifizieren angenehm leicht fällt. So mäandert man mit ihm durch die Geschichte, die mit dem den Alltag begleitenden zunehmenden Wahn an Sogkraft zulegt. Zeitlich verankert ist die Handlung zehn Jahre vor Erstellung des Romans, also um 2014, und dauert einen Winter lang, bis hin zur nächsten Heideblüte. Man begleitet den Jungschäfer, und zwar gleichsam nahe, da man sein Innenleben miterlebt, wie distanziert, da Jannes die typische Orientierungslosigkeit der Jungadoleszenten inneliegt, mit der er die für ihn noch rätselhafte Welt des Erwachsenseins von außen betrachtet, sie aber mit einem souveränen Wertesystem meistert.
Thielemann beginnt Jannes‘ Reise auf eine Weise zu erzählen, die zunächst zeitlos wirkt, die auch zu Zeiten von Löns‘ Geburt hätte spielen können, in die dann noch vor Ablauf der ersten Seite der Geschützdonner des Kampfmittelherstellers bricht und die Lesenden zunächst verwirrt. Beinahe poetisch beginnt dieser Roman, und das Poetische behält Thielemann dezidiert eingesetzt bei, etwa in Landschafts- und Wetterbeschreibungen, selbst bei Schilderungen alltäglicher Verrichtungen, in denen der Autor einen Detailreichtum an den Tag legt, der seine Kenntnis unterstreicht und dennoch nicht langweilt, sondern das Gesamtbild anreichert. Als Kontrast dazu schildert Thielemann das Leben dort in einer zeitgenössischen Sprache, lässt die Figuren im Lokalkolorit kommunizieren, mit »wie« statt »als«, mit Einschüben von Heidjerplatt, mit – bereits 2014 – aktuellen Begriffen, Inhalten und Strömungen.
So begibt man sich mit Thielemann und Jannes zurück in die Heide, in die alte Heimat, oder für Fremde: in die Touristengegend, deren Blüte gefärbt ist wie ein Hämatom, wie Thielemann seinen Jannes feststellen lässt. Obschon Schuld über der Handlung schwebt, alte wie aktuelle, und obschon unschöne Realitäten Teil der Sache sind, gelingt es Thielemann, weder die Lönsfans zu bedienen, noch die Gegend und ihre Bewohnenden komplett zu zerlegen. Man sollte eben keinen Heimatroman erwarten, nur weil er in der Heide spielt. Die brennt ja ohnehin bereits.
Markus Thielemann: Von Norden rollt ein Donner | Deutsch
C.H.Beck 2025 | 287 Seiten | Jetzt bestellen
