Lauren Groff: Die Monster von TempletonEins vorweg: Dies ist kein Horrorroman (auch wenn der Titel möglicherweise etwas anderes suggeriert), es ist – im besten Sinne – eine Familienchronik, die mehrere Jahrhunderte umspannt.

Wilhelmina »Willie« Upton, Spross einer legendären, alteingesessenen Familie der Stadt Templeton (nicht minder legendär), kommt zurück in ihre Heimatstadt, um ihre Wunden zu lecken, die ihr ihr letzter Liebhaber zugefügt hat, und um herauszufinden, wer ihr leiblicher Vater ist. Vier Kandidaten stehen zur Auswahl, und weil ihre Mutter sich strikt weigert, den Namen zu verraten, bleibt es Willie überlassen, dieses Geheimnis selbst zu ergründen.

Der Roman beginnt mit ihrer Ankunft, die zeitlich mit dem sensationellen Fund eines »Ungeheuers« zusammenfällt, das seit ewigen Zeiten im dortigen Spiegelsee nessiegleich friedlich vor sich hin vegetierte und nun das Zeitliche gesegnet hat. So wird Willies Ankunft von den Bewohnern Templetons erst später registriert. Das obskure Urviech nimmt die Aufmerksamkeit der Bürger vollauf gefangen.

Willie kommt bei ihrer Mutter unter, einem weiblichen Relikt der Hippiebewegung, die nun ihr Seelenheil in der Religion gefunden zu haben glaubt, was so gar nicht zu ihrem bisherigen Leben passen will. Flugs wurden Sex, Drugs und Rock‘n‘Roll gegen das barmherzige Kreuz ausgewechselt. Sicher ist daran ein ihr schwer zugeneigter, in Willies Augen extrem unlockerer Priester, nicht unschuldig. Da ist der Familienstress nicht weit…

Willie hat neben ihrer Suche nach ihrem Erzeuger auch noch mit anderen Dämonen zu kämpfen, allem voran einer enttäuschten Liebe, die im wahrsten Sinne des Wortes Spuren in ihrem Körper hinterlassen hat. Willie durchstöbert ihre Heimatstadt nach Hinweisen auf ihren Vater und gräbt sich tief in die Geschichte Templetons ein, in der auch der legendäre Chingachgook, der dem einen oder anderen Leser aus den »Lederstrumpf«-Romanen von James Fenimore Cooper bekannt sein dürfte, eine Rolle spielt.

Der Roman springt kapitelweise immer wieder zwischen Jetztzeit und Vergangenheit hin und her, und nach und nach setzt sich das Puzzle der Gründung Templetons sowie seine weitere Geschichte zusammen, ebenso wie der Familienstammbaum der Uptons. Da kann man als Leser schon mal schnell den Überblick verlieren. Gut aber, dass von Zeit zu Zeit der – zunächst noch sehr übersichtliche – Stammbaum bildlich in den Roman integriert wurde, bis am Ende des Buches dann alle Karten auf dem Tisch liegen und alle (?) Geheimnisse gelüftet sind.

Cooperstown ist die Heimatstadt Lauren Groffs und diente als Vorbild für das literarische Templeton. Sie hat dem Ort mit diesem Buch ganz bewusst ein Denkmal gesetzt, wie schon im Vorwort klar wird. Wenn man im Netz nach ein paar Impressionen zu dieser Stadt forscht, bekommt man schon Lust, dieses Fleckchen Erde in die nächste Urlaubsplanung einzubeziehen – natürlich nebst »Die Monster von Templeton« im Reisegepäck. Aber das versteht sich ja von selbst.

Lauren Groff: Die Monster von Templeton | Deutsch von Judith Schwaab
C.H. Beck 2009 | 507 Seiten | Jetzt bestellen

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