Lars Brandt: Alles ZirkusEhe das Sandkorn nicht aus dem Auge ist, hilft die Feststellung seiner Winzigkeit nicht weiter.

Walter, ehemals Ingenieur und Raketenbauer, ist in einer Werbeagentur tätig, als die Wirtschaftkrise zuschlägt. Seine Frau, Trixi, investiert all ihre Zeit und Energie in den Versuch, einen Dokumentarfilm über einen vergessenen Maler zu machen und ihn bei einer Fernsehredaktion anzubringen. Beide werfen jeweils dem anderen vor, blind gegenüber der Realität zu sein.

Dabei zweifelt Walter an seiner eigenen Wahrnehmungsschärfe und spürt, wie er unter dem zunehmenden Druck in seiner Arbeit den Boden unter den Füßen verliert: Nachts träumt er sich als Clown, den keiner ernst nimmt. Als ihn dann eines Tages durch einen Zufall und ein Missverständnis in seinem wachen Leben E-Mails mit Werbung für Clowns-Bedarf erreichen, fängt er an, allem und jedem zu misstrauen, seiner Frau eingeschlossen. Paranoid sieht er andere Figuren aus Absichten handeln, die gar nicht existieren. Doch damit ist er nicht allein in diesem Roman.

Auch Trixie leidet darunter, dass Walter sich verändert hat und nicht mehr die Person ist, in die sie sich einst verliebt hat. Er jammert ihr zu viel – hauptsächlich über seinen Job – und hat ihrer Einschätzung nach aus den Augen verloren, was im Leben wirklich wichtig ist. Sie hat zumindest damit recht, dass sich an Walters Situation äußerlich nicht viel geändert hat: Zwar verliert die Werbeagentur, für die er tätig ist, einige Kunden, aber sie gewinnt auch neue hinzu und von Kündigung oder ähnlichen Existenzbedrohungen ist nie die Rede – im Gegenteil, Walter hat sich gerade erst ein neues Auto gekauft. Vielleicht redet er die Krise in seinem Beruf und in seiner Beziehung also nur herbei und zeigt damit, wie Sprache Realität schaffen kann.

Als Walter auf den Brief eines Mathematikinstituts reagiert, das ihn bezeichnenderweise als Mitarbeiter für ein Landkartenprojekt gewinnen will, und seiner Frau nicht gleich die Wahrheit darüber sagt, weil es ihm so absurd scheint und er es für eine Verwechslung hält, schleicht sich zusätzlich ein Fremdgeh-Verdacht in die Beziehung der beiden ein. Anstatt miteinander darüber zu reden, lamentieren jedoch beide in Gedanken weiter darüber, wie wenig der Partner sie versteht – und ironischer Weise darüber, wie sprachlos sie geworden sind. Walter fragt sich, wer er in Trixies Augen ist und wer in seinen eigenen. Gleichzeitig nutzt er die Gelegenheit, zu hinterfragen, was in ihrer Beziehung »noch alles« nicht stimmt.

Schließlich stößt zu den beiden ein ehemaliges Mitglied der Fremdenlegion, dem Walter in seiner Zeit als Raketenbauer begegnet ist. Dieser Mann heißt Schach, spricht mit einem sächsischen Akzent und ist leider wenig überzeugend geschildert. Ebenso unglaubwürdig wirkt, dass er sich in Trixie verliebt, aber nicht versucht, an sie heranzukommen.

Trixie und Walter nehmen ihn in ihrer Wohnung auf, haben aber völlig andere Ansichten über seinen Charakter und seine Geschichte – ein weiteres Beispiel von vielen in diesem Roman, dass es nur zu oft Ansichtssache ist, was Realität ist und was nicht. Die gefühlte Beziehungskrise von Trixie und Walter inmitten der gefühlten Wirtschaftskrise erlebt ihren Höhepunkt, als Walter schließlich seine paranoiden Fantasien und seine nächtlichen Träume im Mathematikinstitut in die Tat umsetzt und dadurch die Grenze zwischen seiner Vorstellungswelt und der Wirklichkeit überschreitet.

Alles in allem ein interessantes Buch darüber, wie weit man mit seiner Einschätzung danebenliegen kann, was in den Köpfen der Leute um einen herum tatsächlich vorgeht – egal wie nahe sie einem stehen.

Lars Brandt: Alles Zirkus | Deutsch
Hanser 2012 | 224 Seiten | Jetzt bestellen

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