Julya Rabinowich: Dazwischen: Ich»Dazwischen: Ich« erzählt die Geschichte des Mädchens Madina, das mit seiner Familie vor Krieg und Gewalt geflohen ist und ein neues Leben anfangen will. Doch die Bilder der Vergangenheit holen sie immer wieder ein: ihre Oma, die nicht mitkommen konnte und immer noch im Kriegsgebiet lebt, ihre Freundin, die vor ihren Augen gestorben ist und die vielen, vielen Verletzten, um die sie sich mit ihrem Vater gekümmert hat.

Doch diese Bilder passen nicht in die Gegenwart, denn die Menschen in ihrer Umgebung verstehen nicht – können nicht verstehen – was sie gesehen und erlebt hat. Madina steht immer dazwischen: zwischen ihrem Geburtsort und einem neuen Land, zwischen ihrer Familie, die sich noch viel überforderter fühlt, als sie selbst, zwischen zwei Sprachen und zwischen ihrem alten Leben und einem neuen, das sich gerade erst entwickelt.

Immerhin gibt es Menschen, die ihr helfen wollen, wie zum Beispiel ihre Freundin Laura und ihre Mutter, aber auch ihre Lehrerin, zu der sie nett sein muss, obwohl Madina sie und ihre trockenen Kekse nicht ausstehen kann. Täglich versucht sie so zu sein, wie alle anderen, obwohl sie weiß, dass ihre Geschichte das nicht zulässt und ihre Familie ihr aus Angst und alten Traditionen heraus das Leben erschwert. Noch dazu kommen die vielen Behördengänge, die ständige Angst, wieder abgeschoben zu werden, und das Leben in einer Sammelunterkunft, für das sie sich gegenüber ihren Freund*innen schämt.

Ich denke: nicht schon wieder. Nicht schon wieder diese endlosen Befragungen, diese Papierbögen zum Ausfüllen, meine ganze Geschichte von vorne und wieder von vorne, und bei jeder Wiederholung wird sie noch ein bisschen absurder und meine Vergangenheit noch unverständlicher, weil ich sie jedes Mal durch die Augen meines Gegenübers sehe, bei jeder Wiederholung. Und die Gesichter spiegeln Unverständnis. Und Mitleid.

Julya Rabinowich leistet mit ihrem ersten Jugendbuch großartige Arbeit. Madinas Familie und die Personen, denen sie im Alltag begegnet, zeigen ein differenziertes Menschenbild. Es gibt nicht »den Flüchtling« – alle haben ihre eigene Geschichte und sie sind genauso vielfältig wie jede andere Gesellschaft auch. Rabinowich zeigt auf, mit welchen Hürden Geflüchtete zu kämpfen haben und verwandelt eine Zahl zu Einzelschicksalen. Dabei schafft sie es, im ganzen Buch ohne die Nennung von Nationen auszukommen, denn darum geht es auch überhaupt nicht.

Wo ich herkomme? Das ist egal. Es könnte überall sein. Es gibt viele Menschen, die in vielen Ländern das erleben, was ich erlebt habe. Ich komme von Überall. Ich komme von Nirgendwo. Hinter den sieben Bergen. Und noch viel weiter. Dort, wo Ali Babas Räuber nicht hätten leben wollen. Jetzt nicht mehr. Zu gefährlich.

Mit einem besseren Satz hätte sie das Buch nicht beginnen können. Denn in dieser riesigen Debatte zählt letztendlich nur eins: Es handelt sich in diesem Buch und in der Realität um Menschen, die vor Krieg und Gewalt fliehen. Alle diese Menschen haben ihre eigene Geschichte, und sie haben meistens Dinge erlebt, die man sich in Europa nicht mal ansatzweise vorstellen kann. Es geht nicht darum, aus welchem Land sie kommen. Das Recht auf Asyl ist ein Menschenrecht und Menschenrechte sind nicht verhandelbar. In dieser Zeit, in der die öffentliche Meinung sich immer weiter nach rechts verschiebt und Dinge gesagt werden, die nicht sagbar sein dürfen, bin ich Julya Rabinowich unendlich dankbar für ein Buch, das sich dieser Entwicklung entgegenstellt.

»Dazwischen: Ich« zeigt Probleme auf, aber auch Lösungen, es zeigt, dass es Hoffnung geben muss und Menschen sich gegenseitig unterstützen müsssen – Einheit statt Spaltung. Der Roman ist ein wichtiger Beitrag besonders für junge Leser*innen, aber auch für alle anderen.

Julya Rabinowich: Dazwischen: Ich | Deutsch
Hanser 2016 | 256 Seiten | Jetzt bestellen

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