John Waters: CarsickWir schreiben das Jahr 2012. Der amerikanische Kultregisseur John Waters unterzeichnet einen Vertrag, aufgrund dessen er seinem Verlag ein Buch abliefern muss, das einen Reisebericht zum Inhalt hat, genauer gesagt: Der 66jährige wird quer durch Amerika trampen – von seinem Haus in Baltimore, Maryland bis zu seiner Wohnung in San Francisco. Walters wäre nicht Walters, wenn dabei nicht etwas monströs Abgefahrenes herauskommen würde. Und so ist es dann auch …

Das Buch besteht aus drei Teilen, zwei fiktionalen und einem realen. Im ersten Teil phantasiert er sich den bestmöglichen Trip zusammen. Im zweiten sinniert er über die größtmöglichen Katastrophen, die ihm auf einer solchen Tour zustoßen könnten. Der letzte Teil schließlich schildert dann die nackte Realität, so wie es wirklich war. Alle drei Teile sind absolut lesenswert.

In den beiden fiktiven Teilen lässt er seiner überbordenden Fantasie freien Lauf. Kiffer, die ihm mal eben ein paar Millionen Dollar für seinen nächsten Film spendieren, eine alte Freundin steht von den Toten auf und gondelt ihn durch die Gegend; im Teil »Das Schlimmste, was mir passieren kann« landet er wegen angeblicher Unzucht im Knast, in einem anderen Kapitel z. B. steigt er nichtsahnend in den Wagen der Tochter von Gertrude Baniszewski: jener Sadistin, die mitverantwortlich für den unfassbaren Mord an Sylvia Likens war. Natürlich kommt auch in beiden Novellen der Sex nicht zu kurz. Die beiden Erzählungen sind stellenweise ziemlich durchgeknallt, manchmal seltsam anrührend und oft einfach saukomisch. Spießer sollten von der Lektüre jedoch besser ihre Finger lassen.

Auch der letzte Teil, der seinen realen Trip beschreibt, ist absolut lesenswert, vor allem die mehrfache Begegnung mit dem eigentlich stockkonservativen Jungen, der die Chance seines Lebens nutzt, mit Walters einen drauf zumachen, für eine begrenzte Zeit aus seinen Konventionen auszubrechen und seine Eltern so an den Rand eines Herzinfarkts bringt.

»Carsick« ist ein echter Pageturner. Witzig, traurig, spannend, manchmal auch ein bisschen eklig – aber garantiert niemals langweilig. Und John Waters kommt in diesem Buch extrem sympathisch rüber. Ich selbst nehme keine Anhalter mit. Bei John Waters würde ich aber definitiv eine Ausnahme machen.

John Waters: Carsick | Deutsch von Nicolai von Schweder-Schreiner
Ullstein 2015 | 365 Seiten | Jetzt bestellen

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