John Irving: Owen Meany»Ich bin dazu verdammt, mit der Erinnerung an einen Jungen mit einer entsetzlichen Stimme zu leben.«

So spricht John Wheelwright, einer der beiden Hauptcharaktere in Irvings epochalem Roman. Wir verfolgen in Rückblenden die Jugend des kleinen Johnny, die überschattet wird vom tragischen Tod seiner Mutter, wir erfahren von seiner tiefen Freundschaft zu eben jenem bemerkenswerten Owen Meany, der nicht nur Johnnys bester Freund ist, sondern zugleich auch derjenige, der – freilich völlig unbeabsichtigt – den Tod der Mutter herbeiführt.

Es sind zwei Suchende, die sich hier finden und einen Teil ihres Lebensweges gemeinsam gehen. Johnny, der seinen leiblichen Vater nie zu Gesicht bekommen hat, versucht diesen ihm Unbekannten ausfindig zu machen, sei es im Footballstadion oder in der Kirche oder in seinen Träumen. Er fährt sogar viele Jahre später ins ferne Boston, um dort eine Spur des Phantoms zu finden, das, wie wir gegen Ende des Buches erfahren, doch die ganze Zeit da war, ganz in der Nähe – allein Johnny hat es übersehen.

Es ist der Lehrer John Wheelwright (der an der Ignoranz seiner Schülerinnen verzweifelt, wenn diese ohne Sinn und Verstand »Wuthering Heights« lesen oder völlig planlos beginnen, Aufsätze und Kommentare zu verfassen), der diese Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die in den 50er/60er-Jahren in einem Amerika spielt, welches im Laufe der Jahre diverse Präsidenten wird kommen und gehen sehen, welches einen sinnlosen Krieg führen wird, innerhalb und außerhalb der eigenen Landesgrenzen, und welches so sehr mit sich selbst beschäftigt ist, unfähig zur kritischen Selbstreflektion in Bezug auf den Rest der Welt.

Die Hauptfigur des Romans ist freilich Owen Meany, ein kleiner schmächtiger Junge, der auch als Erwachsener eher kleinwüchsig bleibt und dessen markerschütternd helle, kindergleiche Stimme allen, die ihm je begegnet sind, unvergessen bleibt. Er lebt in der Überzeugung, von Gott erwählt worden zu sein, er glaubt seinen eigenen Todestag zu kennen und versetzt seine Umgebung, je nach Situation, entweder in Staunen oder in Angst und Schrecken.

»… der Sommer 1968 litt an der Mischung von Mörderischem und Trivialem, die für unsere Gesellschaft typisch und alltäglich werden sollte.«

Es sind die großen Themen, die John Irving hier literarisch zu bewältigen versucht. Da haben wir z. B. die Religion, wir hören von Katholiken und Episkopalen, von Baptisten und Kongregationalisten und stellen bei allen Unterschieden schlussendlich fest, wie gleich doch alle sind. Wir hören vom Vietnamkrieg, von unfähigen Präsidenten, und durch die Stimmen von John Wheelwright und Owen Meany lässt John Irving keinen Zweifel an seiner kritischen Haltung diesbezüglich aufkommen.

Das größte und persönlichste Thema jedoch ist ein auf das einzelne Subjekt bezogene: die Suche nach dem leiblichen Vater, ein Weg, auf den sich John Irving selbst viele Jahre seines Lebens begeben hat, und der er damals mit Hilfe von Johnny Ausdruck verlieh (man bedenke, dass »Owen Meany« vor fast zwanzig Jahren geschrieben worrden ist).

»Owen Meany« ist ein außergewöhnliches Buch. Nicht, weil John Irving hier auf kluge Art und Weise gegen den Wahnsinn des Krieges (und vielleicht auch gegen zweifelhafte Religionszweige), gegen unfähige, korrupte Politiker, Fernsehprediger und gesichtslose Geistliche zu Felde zieht, auch nicht, weil er der Dummheit und Borniertheit vieler Amerikaner hier Gesichter gegeben hat. Für mich ist dieses Buch vor allem deshalb so bemerkenswert, weil Irving es geschafft hat, die Freundschaft zwischen John Wheelwright und Owen Meany (und damit auch die beiden Charaktere) zum Leben zu erwecken.

»Owen Meany« ist kein religiöses Buch, auch wenn viel von Religion die Rede ist und die titelgebende Figur häufig als Quasi-Heilsbringer (oder Teufel, je nach dem) auftritt, aber es bringt den Leser zum Nachdenken über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens: die Menschen, die uns etwas bedeuten, der Weg, den wir alle gehen müssen, und die Liebe an sich.

Ein Meisterwerk.

John Irving: Owen Meany | Deutsch von Jürgen Bauer
Diogenes 1992 (11. Auflage) | 852 Seiten | Jetzt bestellen

2 Kommentare

  1. Bleibt noch anzumerken, dass „Owen Meany“ ein Wunder an erzählerischem Aufbau ist. Ich kenne kaum ein Buch, das dermaßen genial konstruiert wurde. Der Spannungsbogen gleicht einem Krimi, nur dass man sich hier nicht fragt, wer wohl am Ende der Täter ist, sondern wo um alles in der Welt die Handlung hinführen soll. Und als sich am Ende alles in seiner grausamen Logik zusammenfügt, bleibt der Leser hilflos in einer Mischung aus Rührung und Entsetzen zurück. Selten hat mich das Ende einer Geschichte so bewegt.

  2. Für mich ist ein faszinierendes Buch. Ich beginne es zum dritten Mal. Die Aussage des Buches ist meines Erachtens die Freundschaft des Erzählers und Meanys. Auch begleitend die REligiosität. Es ist ein Buch zum Lachen und zum Weinen. Sehr zum Nachdenken. Das Buch darf nicht nur einmal gelesen werden.
    Meany ist eine faszinierde Persönlichkeit, dessen Besonderheiten (Größe und Stimme) ihn auch prägten und immer wieder herausforderten.

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