Joey Goebel: Freaks»The Freaks« – so lautet der Name der wohl ungewöhnlichsten Band der Welt. An der Gitarre: Opal, 80 Jahre alt, ständig mit einem Sex-Pistols-T-Shirt und Minirock bekleidet. Ihre Verwandschaft möchte sie am liebsten ins Altersheim abschieben, aber Opal lebt den Rock’n’Roll, nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Leben. Niemand ist vor ihrer überaktiven Libido sicher und wie es sich für eine echte Rockerin gehört, legt sie jeden flach, der ihr gefällt (und falls der Ausgewählte dann halt mal 50 Jahre jünger ist, auch kein Problem). Gleichzeitig ist sie aber auch so eine Art Babysitterin für die Bassistin der Band – die achtjährige Ember.

Ember ist ein wunderschönes Mädchen, dem jeder sofort verfällt – bis sie den Mund aufmacht und ihr Gegenüber mit den unflätigsten Ausdrücken zuschüttet. Sie ist ein lebendgewordener Shitstorm, der alles und jeden hasst – mit Ausnahme der Bandmitglieder. Ember ist wie alle ihre Mitstreiter ein Produkt ihrer Umwelt und ihrer Erfahrungen: ihre Eltern interessieren sich überhaupt nicht für sie und kurven lieber durch die Weltgeschichte, ständig von einer angesagten Party auf die nächste, und da ist so ein Kind natürlich nur ein unwillkommener Klotz am Bein. Embers schulische Leistungen sind unterirdisch, stattdessen fällt sie auch dort nur durch ihre Aggressivität auf. Zum Glück gibt es ja Kinderheime …

Ray ist der Bandimmigrant, der sich nur aus einem Grund mit seiner Familie aus dem Irak aufgemacht hat nach Amerika: endlich den Mann zu finden, den er im Irakkrieg verwundet hat. Seine Vergebung zu erflehen, ist Rays sehnlichster Wunsch. Leider hat seine Frau für sein Trauma keinerlei Verständnis und macht ihm permanent zu Hause die Hölle heiß. Zu allem Überfluss wirkt sich seine ständige Grübelei auch noch sehr negativ auf sein ohnehin sehr dürftiges Keyboardspiel aus. Immerhin erheitert er seine Umwelt unfreiwillig durch sein arg geradebrechtes Amerikanisch …

Da hat die wunderschöne Aurora am Schlagzeug schon deutlich mehr Punch. Sie drischt die Felle, als gäbe es kein Morgen, und verzaubert ihre männlichen Fans zusätzlich durch ihr atemberaubendes Aussehen. Nicht verwunderlich, dass alle ihre Verehrer sie schnellstmöglich ins Bett bekommen wollen. Abschreckend wirkt auf die potentiellen Liebhaber allerdings, dass sie es hier mit einer rollstuhlfahrenden Satanistin zu tun haben, deren Vater zu allem Überfluss auch noch ein Mann der Kirche ist …

Dieser wilden Horde steht Luster vor, der farbige Frontmann der »Freaks«. Markenzeichen: endlose Selbstgespräche und Philosophietiraden, die schon seinen Brüdern zuhause, allesamt Drogendealer der übelsten Sorte, mächtig auf den Zeiger gehen. Auch seine Umwelt zeigt wenig Verständnis für Lusters Abgedrehtheit und wähnt den durchaus talentierten Bandleader dauerhaft auf Koks. Oder Crack. Oder was auch immer. Luster steht wie seine Bandmitglieder außerhalb der Norm und möchte mit seiner Band den Durchbruch schaffen, um seinem Elend zu entfliehen. Seine »Take hold of your dreams«-Attitüde treibt die Band immer wieder an, bis schließlich der Tag des großen Auftritts ansteht …

Die Kapitel des Buches sind kurz gehalten, wie Punksongs halt, und schließlich hat dieses Werk ja auch ein Punkrocker verfasst. »Freaks« ist eine Hommage ans Träumen, an den Wunsch und die Notwendigkeit, sich aus der Masse hervorzuheben. Geschrieben von einem jungen Musiker, der im Nachwort des Buches durchblicken lässt, dass er selber in einer ähnlichen Situation gewesen ist und sich so perfekt in seine Protagonisten einfühlen kann.

Joey Goebel: Freaks | Deutsch von Hans M. Herzog
Diogenes 2007 | 193 Seiten | Jetzt bestellen

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