Jasper Fforde: GrauAlles begann damit, dass mein Vater nicht das Letzte Kaninchen sehen wollte. Und es endete damit, dass ich von einer fleischfressenden Pflanze verspeist wurde. So hatte ich mir meine Zukunft nicht vorgestellt. Eigentlich hatte ich gehofft, in die Dynastie der Oxbloods einzuheiraten und ihr Bindfaden-Imperium zu übernehmen. Doch das war vor vier Tagen – bevor ich Jane kennenlernte, den Caravaggio wiederbeschaffte und Hoch-Safran erkundete. Und nun war ich, statt die Vorfreude auf chromatischen Aufstieg zu genießen, vollständig in den Verdauungssaft eines Yateveobaums eingetaucht. Es kam mir reichlich ungelegen.

Die Gesellschaft steht unter einem autoritären Regime und wird von 500 Jahre alten Regeln gelenkt, die alles genau vorschreiben und jede Art von Kritik unter Strafe stellen. Farben sind das Wichtigste in dieser neuen Welt, die unserer Zukunft entsprechen soll. Der Rang in der Gesellschaft hängt davon ab, welche Farbe und wie viel davon man erkennen kann.

Eddie Russett hat eine nahezu perfekte Rotsicht. Er ist durch ungehöriges Benehmen in Ungnade gefallen und muss als Strafaktion in den Vororten Stühle zählen. Er ist bereits zu einer Ehe versprochen, die ihm den gesellschaftlichen Aufstieg garantiert, als er die geheimnisvolle Jane kennenlernt, eine Graue, die überhaupt keine Farben erkennen kann und deshalb auf der niedrigsten Stufe der Gesellschaft steht. Er verliebt sich in sie, obwohl sie mehrmals versucht, ihn zu töten.

Zur Befriedigung der Nährstoffbedürfnisse von Vegetariern gilt jeden ersten Dienstag im Monat ein Hühnchen offiziell als Gemüse.

Die Farbenwelt, die Fforde in diesem Buch schafft, ist unglaublich detailreich. Das ganze Buch ist ein Füllhorn von verrückten und lustigen Ideen. Das Regelwerk dieser Welt, das den einzelnen Kapiteln vorangestellt wird, ist von angenehmer Absurdität. Aber leider ist das Buch nicht die Summe seiner (guten) Bestandteile. Die Handlung plätschert vorüber und weder die Liebesgeschichte noch die Ergründung des dunklen Geheimnisses dieser Welt haben mich angesprochen.

Wahrscheinlich lag es an den Kürzungen für die Hörbuchversion, aber ich fand keinen Zugang zu dieser Geschichte. Die ungekürzte Fassung bei audible.de ist fast doppelt so lang und stellt das Werk sicher im rechten Licht dar. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass die Macher in der Kurzversion ausgerechnet die guten Stellen weggelassen haben, aber manchmal braucht man eben einen größeren Rahmen, um sich auf eine fremde Welt einzulassen.

Die »Thursday Next«-Reihe von Jasper Fforde war herrlich schräg und erfrischend originell, dieses Gefühl hat sich bei mir mit »Grau« nicht eingestellt. »Grau« ist der erste Band einer Trilogie. Vielleicht werden die beiden folgenden Bände besser, aber ich werde es wohl nie erfahren.

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PS: Anfang November ist Jasper Fforde zusammen mit dem Hörbuchsprecher Oliver Rohrbeck auf Lesereise durch Deutschland. Termine und Auftrittsorte kann man der neuen Website zum Buch entnehmen.

Jasper Fforde: Grau | Hörbuch | Deutsch von Thomas Stegers | Gelesen von Oliver Rohrbeck
Eichborn 2011 | 8 CDs | Jetzt bestellen

2 Kommentare

  1. Wenn die „Thursday Next“ Reihe gefiel, lag es sicher an den Kürzungen, dass „Grau“ weniger gut ankam. Ffordes Humor ist nicht jedermanns Sache, aber wenn man damit kein Problem hat, ist „Grau“ ebenso großartig wie „Thursday Next“. „Grau“ lebt davon, dass die Welt sich langsam, Puzzlestückchen für Puzzlestückchen erschließt. Wenn dann fast die Hälfte des Buches fehlt, kann das keine Runde Sache mehr werden. Vielleicht doch mal dem gedruckten Buch eine Chance geben? 😉

  2. Besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können.

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