Irvin D. Yalom: Die rote CouchDie Mächtigen sieht schließlich jeder gerne fallen.

Es fallen viele Mächtige in diesem Roman, vor allem Psychotherapeuten. Den Anfang macht Seymour Trotter, ein betagter Analytiker, der sich vor einem Komitee für medizinische Ethik verantworten muss, weil er mit einer seiner Patientinnen eine sexuelle Beziehung einging. Das klingt nach einem gewöhnlichen Skandal-Roman, aber eigentlich geht es in dem Buch um etwas anderes.

Für Trotters Fall zuständig ist Ernest Lash, ein junger Psychotherapeut des Komitees, dem Trotter erklärt, dass er seine Patientin nicht ausnutzen, sondern sie therapieren wollte. Trotter fordert, dass ein Therapeut jedem Patienten individuell das geben müsse, was er braucht und was ihm oder ihr hilft, egal ob es gegen Regeln verstößt oder nicht. Damit eine Therapie hilft, meint Trotter, müsste sie absolut authentisch sein, und das gehe nicht, wenn der Therapeut seine Gefühle verheimliche oder sich verstelle.

Ernest ist zunächst ganz auf der Seite der konservativen Ärzte, die sich an die Regeln halten. Das ändert sich, als Justin, einer seiner Patienten, unvermittelt seine Frau verlässt. Jahrelang hatte Ernest versucht, Justin durch seine Therapie genau dazu zu bringen, doch Justin tut es nicht auf Ernests Drängen hin, sondern auf einen leisen Wink seiner neuen Freundin. Ernest stellt fest, dass ihn das kränkt und er wütend auf Justin und die Freundin ist, kann es Justin jedoch nicht sagen. Als Justin die Therapie abbricht, beschließt Ernest, bei seinem nächsten Patienten eine absolut authentische Therapie zu führen, bei der er seine eigenen Gefühle dem Patienten gegenüber offen zugibt.

Seine nächste Patientin ist jedoch ausgerechnet Justins verlassene Frau Carol, was sie Ernest natürlich nicht sagt, als sie sich bei ihm anmeldet. Carol, die in der Vergangenheit von zwei Psychotherapeuten missbraucht wurde und nicht gut auf sie zu sprechen ist, gibt Ernest die Schuld daran, dass Justin sie verlassen hat. Sie will sich an ihm rächen, indem sie ihn verführt und vor Gericht wegen Missbrauchs anklagt.

Zur selben Zeit wird Seth Pande aus der American Psychiatric Association ausgeschlossen, weil er sich von einem arbeitslosen Patienten für die Sitzungen bezahlen lässt, indem dieser sein Haus umbaut. Der Hauptgegner von Pande ist Marshal Streider, zugleich Ernests Supervisor, dessen Karriere ins Wanken gerät, als er von einem Patienten, dessen Behandlung er gerade abgeschlossen hat, einen Investment-Insider-Tipp annimmt.

Mit viel Ironie und Witz beleuchtet Yalom die Schattenseiten und Grenzen der Psychotherapie. Im Mittelpunkt steht dabei immer die Beziehung zwischen Therapeut und Patient und ihre Auswirkungen auf die Therapie selbst.

Im Original heißt der Titel des Romans Lying on the Couch: Es geht also primär darum, was passiert, wenn Therapeut und Patient nicht ehrlich zueinander sind. Klassisch wie in der griechischen Tragödie bringt Yalom seine Figuren erst auf eine lohnenswerte Fallhöhe, bevor er sie durch Fehltritte, von denen sie durchaus ahnen, dass sie welche sind, stürzen lässt. Klar, dass man das gerne liest, doch Yaloms eigentliche Meisterleistung besteht darin, einen Roman geschrieben haben, in dem sich sowohl Anhänger als auch Gegner der Psychotherapie und -analyse wiederfinden können.

Irvin D. Yalom: Die rote Couch | Deutsch von Michaela Link
btb 2007 | 544 Seiten | Jetzt bestellen

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