Ingvar Ambjørnsen: Den Oridongo hinaufIst es überhaupt möglich, sich vorzustellen, dass Frauen es auch so treiben? Ich weiß nicht. Ich werde es nie erfahren. Eine Frau, die von einem starken und liebevollen Mann auf den Felsen gezogen wird, so wie ich als Mann von einer starken und wunderbaren Frau an Land gerettet worden bin, und dann fantasiert man einfach von einer anderen? Ich glaube, das kommt vom Testosteron. Das Alphatier, das dazu verurteilt ist, seinen Samen in jedes Loch und jeden Spalt zu spritzen. Denn Ellen Svendsen ist nicht die einzige, der ich in meinen Träumen den Overall vom Leib reiße, es gibt auch noch andere.

Vaksøy, eine norwegische Insel mit etwas über 1000 Bewohnern. Die Gemeinde freut sich über jeden Zuwachs. Auch über Ulf Vågsvik? Den mysteriösen, unbekannten Mann in den 50ern? Das kann man nicht so genau sagen. Vor einigen Jahren hat er Oslo verlassen und kam nur mit kleinem Gepäck auf die Insel, um zu bleiben. Sehr zur Überraschung seiner Brieffreundin Berit. Die hatte zwar versprochen, er können sie jederzeit besuchen. Aber als er dann wirklich am Strand von Vaksøy steht, ist sie doch etwas verwirrt. Damit beginnt die Geschichte, die Ingvar Ambjørnsen so fein und perfekt webt wie den feinsten Seidenstoff.

Ulf ist zwar irgendwie »komisch«, aber auf der abgelegenen Insel in Nordwestnorwegen ist das nichts Besonderes. Er hat sein Päckchen zu tragen, so wie Berit ihres zu tragen hat, und all die anderen die ihren. Was genau in Ulfs Päckchen enthalten ist, das wird nur hin und wieder angedeutet und lässt viel Raum für kreative Spekulationen. Ulf scheint hilflos dem Schicksal ausgeliefert zu sein – aber warum? Was in den kurzen Passagen, die seine Reise den Oridongo hinauf geschildert wird, ist schrecklich genug. Der Oridongo, der Fluss in Afrika, der ihm das Haar gekostet hat, aber das Leben geschenkt.

Ulf lebt seit ein paar Jahren bei Berit auf der Insel, als die Inselgemeinschaft weiteren Zuwachs bekommen soll: Eine junge Familie aus Holland (Vater, Mutter, Tochter, Sohn) hat das alte Schulhaus gekauft. Die Neubürger sollen mit einer schönen Feier Willkommen geheißen werden. Aber dann schlägt das Schicksal so unbarmherzig und grausam zu, wie es nur kann.

Man kann vermuten, dass Ulfs Päckchen durch den Schlag ein wenig geöffnet wird, denn der Sohn der Familie verschwindet auf mysteriöse Weise. Erst nach ein paar Tagen findet Ulf ihn – stumm, apathisch, gebrochen. Ulf versucht zu helfen, aber kann der Lahme einen Lahmen stützen?

Es geht Ihm gut. Wir geben ihm etwas Warmes zu trinken. Tee. Kakao. Es geht ihm gut. Er sagt nichts, aber er scheint unversehrt zu sein.

Auf alles Plakative und jegliches Actiongehabe verzichtend erzählt Ambjørnsen eine spannende Geschichte, die sich auf die Assoziationsgabe des Lesers verlässt. Ein literarischer, äußerst sensibler und poetischer Roman, meisterhaft aufgeschrieben, und im Bücherschrank gut aufgehoben zwischen Cormac McCarthy und Håkan Nesser.

Ingvar Ambjørnsen: Den Oridongo hinauf | Deutsch von Gabriele Haefs
Edition Nautilus 2012 | 256 Seiten | Jetzt bestellen

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