Ian McEwan: SolarAnd now that he had entered upon the final active stages of his life, he began to understand that, barring accidents, life did not change. He had been deluded. He had always assumed that a time would come in adulthood, a kind of plateau, when he would have learned all the tricks of managing, of simply being.

»Solar« geht das Problem des menschengemachten Klimawandels auf originelle Weise an: Michael Beard, der Protagonist, ist ein alternder Physiker, der ungefähr zwanzig Jahre, bevor der Roman anfängt, den Nobelpreis bekommen hat – für eine einzige geniale Idee, die er in seiner Jugend hatte, genannt Beard-Einstein-Conflation. Seitdem, das gesteht er sich ein, hat er nicht nur keinen einzigen originellen Gedanken mehr gehabt, sondern es nicht einmal geschafft, sich über die Entwicklungen auf seinem Gebiet, der Physik, auf dem Laufenden zu halten.

Stattdessen hat er den Ruhm, den der Nobelpreis ihm brachte, dazu genutzt, ein bequemes Leben in repräsentativen Jobs zu verbringen, die ihm gerade genug Geld einbringen, um seinen Lebensstil aufrecht zu erhalten. Seine Gedanken kreisen nicht um Wissenschaft, sondern um die Frauen in seinem Leben – und davon gibt es nach fünf Ehen plus unzähligen Affären nicht gerade wenige.

Während Beard vollauf damit beschäftigt ist, seine fünfte Ehefrau, Patrice, zurückzugewinnen, die aus Rache eine eigene Affäre begonnen hat, versucht der junge, ehrgeizige Wissenschaftler Tom Aldous, Beard für eine saubere, komplett umweltverträgliche Methode der Energiegewinnung zu interessieren – eine Art künstliche Photosynthese.

Typischerweise ist Beard trotz seiner eigenen Affären, deren Zahl die seiner Frau bei weitem überwiegt, entrüstet, als er die Untreue seiner Frau entdeckt. Als er dann auch noch Aldous fast in flagranti mit seiner Frau ertappt, droht er Aldous, ihn aus dem Forschungszentrum zu feuern, in dem beide angestellt sind, während Aldous ihn anfleht, persönliche Belange der Rettung des Planeten hintenanzustellen. Als Aldous in Beard Wohnzimmer ausrutscht und tödlich verunglückt – ironischerweise auf einem Eisbären-Teppich, Symbol des Klimawandels – nutzt Beard die Situation, um Aldous‘ Tod Patrices anderem Liebhaber in die Schuhe zu schieben.

Ian McEwan erzählt die ganze Zeit aus Beards Perspektive. Dabei wird klar, dass Aldous selbst dann schlechte Karten gehabt hätte, Beard für seine Sache zu gewinnen, wenn er keine Affäre mit seiner Frau angefangen hätte. Denn Beard lebt ausschließlich im Hier und Jetzt. Das Einzige, was ihn interessiert, ist die möglichst schnelle Befriedigung seiner eigenen (hauptsächlich körperlichen) Bedürfnisse – Essen und Sex, in der Reihenfolge.

Beard ist zu bequem, um über die Konsequenzen seines unachtsamen Lebensstils nachzudenken, und ist ein Meister im Verdrängen und darin, sich selbst zu belügen: Sowohl seine zunehmenden gesundheitlichen Probleme (Übergewicht, Hautkrebs), als auch die Schwierigkeiten, die ihm seine Promiskuität bereitet, ferner die Tatsache, dass er einem Mann einen Mord angehängt hat, den er nicht begangen hat, und sein Versuch, Aldous‘ geistige Arbeit als seine eigene auszugeben (nur um damit Geld zu machen, nicht um den Planeten zu retten) belasten ihn immer nur für kurze Momente, bevor er sich der nächsten Befriedigung zuwendet.

Mit dieser fast infantilen Einstellung verkörpert er genau die Seiten des menschlichen Charakters, die zu Klimawandel und Umweltzerstörung geführt haben. Immer wieder fasst Beard gute Vorsätze – wenigstens verspürt der den Wunsch abzunehmen und seine Messie-Wohnung aufzuräumen, wenn schon nicht sein Liebesleben in Ordnung zu bringen – aber er ist zu schwach, um sie in die Tat umzusetzen.

Doch nicht nur Beards Charakter, sondern der ganze Roman legt nahe, dass die Menschen nicht in der Lage sind, den Planeten zu retten, selbst wenn sie es wollten – weil sie unfähig sind, sich zu ändern. Besonders deutlich wird dies in einer Episode, in der Beard als einziger Wissenschaftler mit lauter Künstlern nach Spitzbergen eingeladen wird, um den Klimawandel hautnah zu erleben: Beard und seine Reisegefährten (weniger als zwanzig an der Zahl) schaffen es beim besten Willen nicht, im winzigen Ankleideraum ihres Schiffes Ordnung zu halten.

Bequem, rücksichtslos, achtlos und gierig nimmt jeder einfach die Ausrüstungsgegenstände, die er braucht, und alles fliegt durcheinander, obwohl es so einfach wäre, alle Sachen an dem Platz zu verstauen, an den sie gehören. Das Resultat ist, dass am Ende nicht mehr genügend Ausrüstungsteile für alle da sind. Wie – fragt sich Beard – wollen es die Menschen schaffen, ihren Umgang mit der gesamten Menschheit und Umwelt zu ändern, wenn es ihnen nicht einmal auf so kleinem Raum gelingt?

Ein weiteres Beispiel dafür, dass menschliche Bemühungen, die Welt zu verbessern, in »Solar« vergebens sind, ist eine Stelle im Roman, an der Beard gefragt wird, warum Frauen in den Naturwissenschaften immer noch unterrepräsentiert sind. Beard ist überzeugt, es liegt einfach daran, dass Frauen nicht Physik studieren wollen – es interessiert sie einfach nicht, obwohl es ihnen in frei steht, es zu tun. Im Geheimen hält Beard Frauen – und auch alle Geisteswissenschaftler – schlicht für zu dumm, während der Roman nahelegt, dass die Unfähigkeit solcher Männer wie Beard, ihre Denkweise und ihre Einstellung gegenüber Frauen zu ändern, eher die Ursache für diesen Missstand sein könnte.

»Solar« endet abrupt und unbefriedigend, als die Konsequenzen von Beards Lebensstil ihn schließlich einholen, in Unordnung, aber dadurch genau passend. Denn irgendwann gegen Ende seines Lebens gelangt selbst Beard zu der Erkenntnis, dass er es nicht mehr schaffen wird, sein Leben aufzuräumen und alle Dinge in Ordnung zu bringen, bevor er stirbt.

Ian McEwan: Solar | Englisch
Random House 2010 | 304 Seiten | Jetzt bestellen

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