Ian McEwan: Die KakerlakeNun ist es also soweit: Großbritannien verlässt die Europäische Union. Und weil sich das ganze Ausstiegsprozedere auf unfassbar lächerliche Weise in die Länge gezogen hat, gibt es brandaktuell zum B-Day sogar schon literarische Antworten darauf. Eine davon ist die Politsatire »Die Kakerlake« von Ian McEwan.

Darin erwacht die Kakerlake Jim Sams eines Morgens im Körper des englischen Premierministers und versucht in dieser ihm zugefallenen, machtvollen Position, den sogenannten Reversalismus einzuführen, soll heißen: den Geldfluss umzukehren. Wer arbeiten will, muss dafür bezahlen. Wer einkaufen geht, bekommt Geld für die erworbenen Waren. Eine ziemlich beknackte Idee, die nach den Versprechungen von Jim Sams in eine goldene wirtschaftliche Zukunft führen soll. Unterstützt wird er dabei von US-Präsident Archie Tupper, ebenfalls eine frisch zum Politiker metamorphosierte Kakerlake.

Dass McEwan sich bei seiner Satire von Kafkas »Die Verwandlung« hat inspirieren lassen, ist unverkennbar und verrät auch schon der Klappentext. Ebenso klar ist, wen bzw. was McEwan mit Jim Sams, Archie Tupper und dem Reversalimus meint: Boris Johnson, Donald Trump und den Brexit natürlich, obgleich er in seinem Vorwort darauf verweist, dass Namen und Figuren der Phantasie entsprungen sind und jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Kakerlaken rein zufällig wären.

»Die Kakerlake« ist klug und amüsant geschrieben. Keine Frage. Aber ich würde lügen, wenn ich behauptete, das Buch hätte mir Spaß gemacht. Denn das Ereignis, das hier beschrieben wird, erweckt in mir alles andere als Frohsinn.

Weshalb Menschen in der heutigen Welt mit ihren globalen Herausforderungen glauben, es wäre hilfreich, sich mehr oder weniger wieder in Nationalismus oder auch nur nationale Eigenständigkeit zu verkriechen, wird sich mir in meinem Leben nicht mehr erschließen. Dass die Zahl der Remainers in etwa ebenso hoch ist wie die der Brexiteers und dass die meisten britischen Intellektuellen, darunter Ian McEwan, den EU-Austritt als völlig blödsinnig empfinden, ist da einstweilen nur ein schwacher Trost.

Natürlich kann man das alles auch gelassener sehen und »Die Kakerlake« schlicht als unterhaltsame Lektüre begreifen. Vielleicht solte man dann aber auch noch einmal »Wir amüsieren uns zu Tode« von Neil Postman zur Hand nehmen.

Ian McEwan: Die Kakerlake | Deutsch von Bernhard Robben
Diogenes 2019 | 112 Seiten | Leseprobe und mehr | Bestellen

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