Henning Mankell: TiefeWir schreiben das Jahr 1914. Der Erste Weltkrieg steht kurz vor dem Ausbruch. Lars Tobiasson-Svartman dient in der schwedischen Armee, die sich neutral verhält, als Seevermesser. Von Zeit zu Zeit wird er von seinen Vorgesetzten damit beauftragt, Untiefen zu erforschen, alternativ passierbare Strecken für die schwedische Flotte zu finden oder auch etablierte zu überprüfen.

Das Lot, sein wichtigstes Arbeitsgerät, ist untrennbar mit ihm verbunden, doch es ist mehr als nur ein Arbeitsutensil, denn in ihm und seiner Arbeit, der Ausmessung von Abständen, spiegelt sich die innere Gefühlswelt des Kapitäns wider. Lars ist ein psychisch schwer gestörter Mensch, der in seinem Inneren ständig auf der Suche nach der größtmöglichen Tiefe ist, einer Tiefe, von der er selber nicht weiß, ob sie irgendwo endet oder endlos ist. Er ist verheiratet, aber er kann seiner Frau keine Liebe entgegenbringen.

Einer seiner Aufträge führt in das raue Gebiet der Schären, wo er auf einer der Inseln die Einsiedlerin Sara Fredrika entdeckt. Er glaubt sie zu lieben, und in seinem Wahn beginnt er, ein zukünftiges Leben mit ihr zu planen. Seine Frau ist ahnungslos, denn er verbirgt seine wiederkehrenden Reisen zur Schäreninsel Halsskär hinter erfundenen Geheimaufträgen des Militärs, die es nicht gibt. Als er eines Tages einen deutschen Deserteur bei seiner Geliebten antrifft, nimmt das Unglück seinen Lauf …

Lars ist ein innerlich völlig zerrissener Mensch und ein Protagonist, zu dem der Leser wenig bis gar keinen Zugang findet. Paradoxerweise macht gerade das den Hauptreiz dieses Romans aus. Wer ist dieser Seevermesser, der unfähig ist, echte Nähe zu erwidern und der sich immer tiefer in einem unentwirrbaren Gestrüpp von Lügen verfängt? Ein Mensch ohne Gefühle, ohne Reue, eine Existenz, die ihren Platz sucht, für die es aber keinen adäquaten Platz zu geben scheint.

Unglücklich finde ich die Wahl eines Doppelnamens für einen Protagonisten, der dann auch noch ständig wiederholt wird, auch wenn die Leserinnen und Leser dafür im Laufe des Buches eine Begründung geliefert bekommen. Davon abgesehen hat Henning Mankell einen spannenden Roman über seelische Abgründe geschrieben, ein Thema, dem wir in ähnlicher Form in seinen berühmten Wallander-Romanen begegnen, nie jedoch so erschreckend intensiv und verstörend wie in »Tiefe«.

Henning Mankell: Tiefe | Deutsch von Verena Reichel
Zsolnay 2005 | 367 Seiten | Jetzt bestellen

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