Die Geschichten des Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen kennt jeder. Wie er auf einer Kugel durch die Lüfte flog, bei den Türken in Gefangenschaft geriet oder sich selbst mit seinem Pferd am eigenen Zopf aus dem Sumpf zog – seine unglaublichen Abenteuer wurden mit den unterschiedlichsten künstlerischen Mitteln in Szene gesetzt. Zudem gibt es Bücher in Hülle und Fülle. In meinem Bücherschrank steht bisher eine Ausgabe des Kinderbuchverlages der DDR mit Illustrationen des Staßfurter Grafikers Eberhard Binder. Schließlich war Staßfurt von meiner Heimatstadt Magdeburg auch an Münchhausens Geburtstag vor 300 Jahren in relativ kurzer Zeit zu erreichen.

Nun hat sich Ende Mai dieses Jahres ein Band dazu gesellt, der dem Jubiläum 2020 alle Ehre erweist. Der Leipziger Verlag Faber & Faber macht es möglich: der Leser staunt über einen knallrot geprägten Leineneinband im Schmuckschuber mit dreißig farbigen Illustrationen des Leipziger Grafikers, Illustrators und Hochschulprofessors Thomas M. Müller.

Von Baron von Münchhausen ist überliefert, dass er seine Lügengeschichten mit viel Offenheit und lebhaftem Witz erzählen konnte. So wurden im Jahr 1781 sechzehn Erzählungen des Freiherrn in einem Taschenbuch publiziert, herausgegeben von August Mylius. Wie Mylius an diese Geschichten kam, ist nicht überliefert. Ein Landsmann Münchhausens namens Rudolf Erich Raspe soll sie aufgeschrieben haben. Da Raspe wegen eines Münzdiebstahls nach England floh, erschien dort eine Übersetzung.

Der Sturm-und-Drang-Dichter Gottfried August Bürger (1747 – 1797) bekam 1786 die englische Ausgabe in die Hände, übersetzte sie zurück ins Deutsche, erweiterte sie und gab das Buch ohne Namen heraus. Dies geschah vorsorglich, weil Bürger durch seine offene Sympathie mit dem einfachen Volk oftmals heftig angegriffen und an seinem beruflichen Aufstieg als Beamter gehindert wurde. Die zweite Auflage 1788 wurde von ihm nochmals überarbeitet. Die vorliegende Ausgabe ist eine Hommage an den barocken Text.

Thomas M. Müller inszeniert die Abenteuer des flunkernden Barons von Münchhausen auf einer Theaterbühne und sorgt mit seiner einzigartigen Pinselführung für einen hundertprozentigen Wiedererkennungswert. Die farbenfrohen Kleinode kommen zeitlos daher. Jedes neue Kapitel ist durch eine Vignette gekennzeichnet. Nach dem stilisierten Vorhang auf der ersten Seite begegnet der Hauptdarsteller dem Leser mit ungewöhnlich dünner Taille und übertrieben langer Nase. Genug Übertreibungen finden sich auch im Text.

Apropos Übertreibungen: Münchhausen traf sich regelmäßig mit seinen Standesgenossen, um sich in geselliger Runde zu amüsieren und auszutauschen. Mit der Zeit ärgerten ihn die ausgeschmückten Erzählungen seiner Standesgenossen. Anstatt die Aufschneider-Geschichten mit nüchternen Tatsachen zu entlarven, schlug er sie mit ihren eigenen Waffen. Er übertrieb die Berichte seiner Jagderlebnisse und Reiseabenteuer derart, dass keine Zweifel an ihrem Wahrheitsgehalt aufkamen.

Wie oft geraten wir heute in Situationen, in denen wir etwas aufpeppen möchten? Wie häufig neigen wir dazu, uns »cooler« und »besser« darzustellen als die anderen? Die Illustrationen von Thomas M. Müller lassen nicht nur Platz für solche Überlegungen, sondern befeuern des Lesers Phantasie zwischen Puppenspiel, Tanz und dem berühmten Flug auf der Kanonenkugel.

Natürlich ist Bürgers Text anspruchsvoll, doch wer sich auf die überbordende Fabulierkunst einlässt, wird mit einem literarischen Festtagsschmaus belohnt. Hier noch ein ironischer Hintergedanke, dort bissige Andeutungen, da weitere scharfzüngige Bemerkungen gegen die fürstlichen Herren. Die füllen ihre Schatzkammern heimlich bis zum Bersten und verkaufen ihre Soldaten ins Ausland. So werden die Geschichten zum Schauspiel – das wiederum gehört genau dorthin, wo Müller seinen schmal wirkenden Baron mit der blaublütigen Strahlkraft verortet hat – auf die Bühne.

Am Ende wird dem Leser ein Blick in die Garderobe des Hauptdarstellers gewährt. Zufrieden scheint er in den Spiegel zu grinsen und im Spiegelbild bereits die nächste Flunkerei auf den Lippen. Was für ein Kabinettstück!

Gottfried August Bürger, Thomas M. Müller: Wunderbare Reisen zu Wasser und Lande, Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen | Als Theaterspiel illustriert von Thomas M. Müller und dargeboten im Hause Faber & Faber | Deutsch
Faber & Faber 2020 | 176 Seiten | Jetzt bestellen

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