
Mehr als fünfzig Jahre ist es her, dass Gerti Tetzners Roman »Karen W.« beim Mitteldeutschen Verlag Halle in der DDR erschienen ist. Das Buch wurde mit mehreren Auflagen (auch im Westen Deutschlands) verlegt. Ich erinnere mich, wie es während meines Studiums auf dem Nachttisch meiner Mutter lag, ausgeliehen aus ihrer Betriebsbibliothek. Gespannt wartete ich darauf, es nach ihr lesen zu können, suchte man doch Anfang der 1980er Jahre in den Buchhandlungen bereits vergeblich danach. Ein zweites Buch, das ein westdeutscher Verlag veröffentlichen wollte, ist wegen des hohen politischen Drucks auf die Autorin nicht erschienen. Danach war es sehr still um Gerti Tetzner.
Im vergangenen Jahr hat der Aufbau Verlag ihren Roman »Karen W.« neu aufgelegt. Eine gute Gelegenheit für mich, ihn noch einmal ungekürzt zu genießen und herauszufinden, was ihn in die heutige Zeit trägt.
Die Protagonistin des Buches heißt Karen Waldau, ist studierte Juristin, neunundzwanzig Jahre alt und hat eine siebenjährige Tochter. Mit imponierender Willensfreiheit sucht sie nach einem ihr eigenen sinnerfüllten Leben. Mitten in der Nacht verlässt sie ihren Mann Peters, den sie im Grunde liebt. Für den Vater ihrer Tochter lässt sie lediglich ein paar Zeilen zurück:
»Wir sind ganz schön verkommen. Offensichtlich fühlst Du Dich wohl. Ich reise ab und fange irgendwo auf andere Art an. Sicher bist Du einverstanden, wenn ich Bettina aus dem Ferienlager abhole und einstweilen mitnehme, ihr Temperament ging Dir immer auf die Nerven.«
Gemeinsam mit ihrer Tochter zieht sie zurück in ihr Heimatdorf Osthausen. Dort, wo sie aufwuchs, möchte sie nun neu beginnen und lernt zunächst den Tierarzt Dr. Steinert kennen. Welche Ziele hat er? Wonach sucht sie? Er sieht in ihr eine Phantastin und meint: »Gegenüber dem Ideal bleibt das Leben immer auch eine Niederlage.« Sie will nicht als Juristin arbeiten, weil sie nicht urteilen will. Sie will lieber Fragen stellen, sich ausprobieren. Also steht sie in aller Frühe auf und geht in Arbeitskleidung mit den anderen Frauen auf das Kartoffelfeld. Die Leute im Ort wundern sich darüber. Ihr Mann schreibt ihr hinterher: »Die Zeit der fixen Ideen ist vorbei.«
Karen denkt inzwischen darüber nach, wozu sie eine gesunde Lunge zum Atmen hat, »Augen für alle sichtbaren Farben« und »Ohren für alle hörbaren Töne des Lebens.«
Das Buch lebt von ihrem stetigen Nachdenken, das ihr andererseits auch viele Enttäuschungen einbringt. Misstrauen schlägt ihr entgegen, war sie doch diejenige, die ihr Dorf als erstes Mädchen wegen des Abiturs verlassen hat. Doch hat sie es damit auch verraten? Empathisch beschreibt Gerti Tetzner, was die Kollektivierung der Landwirtschaft für die Dorfbewohner bedeutet und welche Opfer sie bringen müssen. Dabei richtet sie ihren Blick immer auf ein noch mögliches anderes Leben. Zweifelt, fragt, lässt ihre Protagonistin suchen und verstehen. Zum Beispiel ihren Vater, den sie früher einfach für einen Nazi hielt.
Im Verlauf entwickelt Karen Verantwortungsgefühl und Verbundenheit zu den Menschen in ihrem Heimatort. Dass ihr alter Nachbar verurteilt werden soll, weil er auf dem Hühnerhof der Genossenschaft fahrlässig einen Schaden verursachte, will sie nicht einfach hinnehmen. Berührend, welche Hürden sie überwinden muss.
Kraftvoll erzählt Gerti Tetzner ihre Geschichte aus der Ich-Perspektive ihrer Hauptperson. Die lebt ihren ureigenen Willen authentisch und nachvollziehbar. Man spürt, mit welcher Stärke sich ihr Selbstbewusstsein entfaltet und sie so gegen ideologische Enge aufbegehren kann. Versetzt man sich in Peters, begegnet man einem promovierten Historiker, der sich zu Hause in einer geordneten heilen Welt ausruhen und von den täglichen Strapazen erholen möchte. Karen wirkt dagegen rastlos. Sie mag keine einfachen Wahrheiten, möchte gewohnte Denkmuster durchbrechen und Veränderungen anregen.
Wer in der DDR las, wollte in der Literatur auch seine eigenen kritischen Fragen wiederfinden. Nach der erneuten Lektüre beschäftigte mich etwas, das Frauen in Beziehungen wohl immer noch durch den Kopf geht: Wie rücksichtslos ist es, seinen Willen gegenüber nahestehenden Menschen zu behaupten? Welche Schuld trage ich am Auseinanderbrechen meiner Beziehung? Welche Folgen hat die Trennung für unser gemeinsames Kind? Darüber schweben weitreichendere Gedanken wie etwa die nach dem Sinn des Lebens, die nach Verantwortung und der Rolle, die man sich in einer Gemeinschaft wünscht. Zeitlos und aktuell genug und vor allem erzählerisch ganz besonders verpackt.
Gerti Tetzner: Karen W. | Deutsch
Aufbau 2025 | 398 Seiten | Jetzt bestellen
