Frank Miller: Push the Wall. My Life, Writing, Drawing, and the Art of StorytellingAls seine Karriere anfing, war Frank Miller nur ein unbedarftes Landei aus Vermont, dessen geistiger Horizont von Fernsehkrimis, Comics und schlechten Filmen geprägt war. Knappe 50 Jahre später kommt er als »Man About Town« daher, der von Michelangelo schwärmt, Aristoteles zitiert, Einsteins Konzept der Quantenverschränkung erklärt und seinen Saul Bellow auswendig kennt. Seit »Robocop 2« hat er es weit gebracht. Miller war in kürzester Zeit der Wunderknabe der amerikanischen Comics. Ein junger Kerl, der quasi in der Gosse lebte, bis er als Zeichner des Marvel-Superhelden »Daredevil« fast über Nacht zum Hoffnungsträger der amerikanischen Comicszene wurde. Die Intelligenz, die hinter seinen perfekt arrangierten Panels steckte, war unübersehbar. Nach nur zehn Ausgaben gab er mit einer Rachegeschichte, in der eine Ninja-Killerin, namens Elektra auftaucht, seinen Einstand als Autor. Wie später Quentin Tarantino verstand er es, ein Genre zu demontieren und mit den Versatzstücken seiner Obsessionen neu zusammenzusetzen.

Die Weltsicht des Newcomers war schon damals bedenklich, passte aber ganz zum Zeitgeist der Reagan-Ära, in der Typen wie Rambo gefragt waren, auch wenn Miller dies heute sicher anders sieht. 1986, ein Schicksalsjahr der amerikanischen Comics, brachte Art Spiegelmans »Maus«, »Watchmen« von Alan Moore und Dave Gibbons sowie Millers »The Dark Knight Returns« hervor, allesamt Meilensteine, die enorme Bestseller wurden. »Comics Aren’t Just For Kids Anymore«, hieß es plötzlich.

Das ließ Hollywood aufhorchen. So kam es, dass der gefeierte Comicmacher an die Westküste zog, um neben der Drehbuchschreiberei »Wein, Weib und Gesang« zu frönen, wie er in seinem Buch, »Push the Wall«, offenbart. »My Life, Writing, Drawing, and the Art of Storytelling« lautet der Untertitel. Doch wenn eine Wikipedia-Seite mehr verrät, als der Autor selbst, verheißt das nichts Gutes. Hätte er sein Buch als »The Art of Storytelling – unter Zuhilfenahme eingestreuter Anekdötchen« herausgebracht, wäre dies treffender gewesen. Vielleicht wollte er nur seinem Idol Will Eisner nacheifern, der mit »Comics and Sequential Art« eines der ersten Bücher über die Mechanismen der Comics schrieb. Miller jedoch möchte sich nicht auf ein Medium allein beschränken, zu divers ist die Bandbreite seiner Ambitionen.

Er beginnt sein Buch mit einem Brief an sein jugendliches Selbst, um in den darauffolgenden 16 Lektionen zu erklären, worauf es beim Geschichtenerzählen ankommt. Fast alle dieser Lektionen werden mit biografischen Details unterfüttert. Wenn er jedoch den Western »High Noon« seziert oder über Norman Rockwell, den Maler einer heilen amerikanischen Welt, schwadroniert, macht er gewaltige Umwege, um einen simplen Standpunkt zu verdeutlichen. Dazu muss man etliche Passagen erdulden, in denen er bemüht ist, literarisch zu klingen, wie beispielsweise in seiner Beschreibung von Los Angeles, die nur Chandlerismen aneinanderreiht.

»Lass Dich überfallen und verliebe Dich« lautet die Überschrift der 3. Lektion, in der es um Lebenserfahrung und die Herstellung von Kunst geht. Doch wie will man die erlangen? Die meiste Zeit seines Lebens verbringt ein Comickünstler über seinem Zeichentisch gebeugt. Dramatische Ausreißer gibt es höchstens, wenn ein Bleistift abbricht oder die Katze mit schmutzigen Pfoten über das Zeichenpapier läuft. Astronauten haben es da besser, denn der Akt des Schreibens und des Zeichnens ist unspektakulär. Dieses Problem hatten schon einige Künstler mit ihrer Autobiografie. Zum Glück gibt es Sex, Alkohol und Drogen, die helfen, das Ganze ein wenig aufzulockern. Nur leider hat Miller nicht vor, uns an seinem zweifellos vorhandenen Erfahrungsschatz auf diesen Gebieten teilhaben zu lassen. Schon sein Gesicht verrät, dass er in seinem Leben sicher einiges durchmachen musste. Doch das wird bestenfalls angedeutet. Sein Erinnerungsvermögen ist höchst selektiv. Einzig die Entstehung von »RoboCop 2« und »Sin City« wird eingehend beleuchtet. Alle anderen Filmprojekte finden keine Erwähnung.

Bedauerlicherweise ist er bei Menschen, die ihm im Laufe seines Lebens begegnet sind, ebenso diskret. Fast alle auftauchenden Zeitgenossen werden auf unverbindlichste (sprich: langweiligste) Art und Weise abgehandelt. Selbst seine beiden Vaterfiguren, Neal Adams und Will Eisner, zwei höchst komplizierte Charaktere, werden auf eindimensionales Gutmenschentum reduziert. Auch sein kreativer Partner Klaus Janson, mit dem er nach »The Dark Knight Returns« jahrzehntelang kein Wort wechselte, und seine Ex-Frau und Ex-Koloristin Lynn Varley treten als farblose Randfiguren in Erscheinung. Die Ehre einer etwas differenzierten Sicht wird höchstens Robert Rodriguez zuteil, der Miller während der Verfilmung von »Sin City« gegen erhebliche Widerstände zum Co-Regisseur machte.

Vielleicht ist diese Zurückhaltung die Reaktion auf einen gewaltigen Shitstorm, den er 2011 auslöste, nachdem er die Occupy-Bewegung als »einen Haufen Flegel, Diebe und Vergewaltiger« beschimpfte. Im selben Jahr erschien seine Graphic Novel »Holy Terror«, die ihm den Vorwurf einbrachte, islamophob zu sein.

Heute distanziert sich der 69-Jährige von seinen damaligen Aussagen. Ist es späte Einsicht oder die allgegenwärtige Angst gecancelt zu werden? Kontroverses sucht man in diesem Buch daher vergebens. Richtig interessant wird es nur, wenn es vom eigentlichen Schaffensprozess berichtet: Wie als Miller zu Schere und Klebstoff greift, nachdem er merkt, dass der erste Teil von »The Dark Knight Returns« nicht auf die benötigte Seitenzahl zu bringen ist. Die resultierende Cut + Paste-Aktion sorgt für ein völlig anderes Erzähltempo. Für das Multitalent ein Aha-Erlebnis. Nur sind solche Momente selten.

Für wen ist dieses Buch also gedacht? Für die Fans seiner Comics? Für alle, die seine Filme mögen? Ist es eine Motivationshilfe für Anfänger? Eine Ergänzung für den Frank-Miller-Fan, der alles hat? Als Lehrbuch ist es zu diffus, als Autobiografie viel zu oberflächlich. Wer mehr über den Künstler erfahren möchte, findet dies eher in den zahlreichen Interviews, die er besonders am Anfang seiner Laufbahn gab. Schade eigentlich. Nach 50 Jahren in der Branche wüsste er sicher eine Menge zu erzählen. Nur leider nicht in diesem Buch.

Frank Miller: Push the Wall. My Life, Writing, Drawing, and the Art of Storytelling | Englisch
Simon & Schuster/Saga Press 2026 | 224 Seiten | Jetzt bestellen