Florian Werner: SchüchternBeim Kiffen aus der Wasserpfeife musste ich immer husten, und wenn ich andere psychoaktive Substanzen nahm, bekam ich es meist mit der Angst zu tun, musste an den Tod des Sokrates denken und begann, die Sterbeszene aus Platons Phaidon im Original zu zitieren (»Ō Kríton, éphe, tō Akslepiō opheílomen alektryóna«), was meine Co-Drogisten zwar irgendwie beeindruckte, aber doch den Eindruck vermittelte, dass ich, selbst wenn ich high war, nicht so richtig loslassen konnte.

In unserer Zeit ist schüchtern sein nicht gerade angesagt – man denke nur an die Selbstdarstellung, die der Arbeitsmarkt von Bewerbern fordert oder die in sozialen Netzwerken an der Tagesordnung ist. Es ist also ziemlich mutig von Florian Werner, sich in seinem Buch »Schüchtern« zu dieser Eigenschaft zu bekennen. Doch wenn er ein Buch veröffentlicht, kann der Autor dann überhaupt schüchtern sein? Das ist nur eine von vielen Fragen, denen Florian Werner in seinem Text auf den Grund geht – und das auf eine Art, dass man beim Lesen sehr oft laut lachen muss.

Bei dem Versuch, Schüchternheit zu definieren und von anderen, ähnlichen Begriffen abzugrenzen, nimmt er den Leser mit auf einen kurzen Streifzug durch die Jahrhunderte und zeigt, wie sich die Bedeutung von schüchtern und besonders von all dem, was damit assoziiert wird, verändert hat. Er zeigt, warum zumindest manche in einer menschlichen Gemeinschaft schüchtern sein müssen, damit ein geregeltes Zusammenleben möglich ist, welche evolutionären Vorteile Schüchternheit brachte und wie Schüchternheit mit Demokratie und sozialer Mobilität zusammenhängt: Schüchternheit war unter anderem besonders dann weit verbreitet, als gesellschaftliche Aufsteiger Gefahr liefen, sich in höheren Kreisen zu blamieren, weil sie mit den dort gängigen Verhaltensregeln nicht vertraut waren.

Werner versucht anhand seines eigenen Beispiels – er ist ein zweieiiger Zwilling – auch zu klären, wie ein Mensch überhaupt schüchtern wird: Ist Schüchternheit angeboren oder das Ergebnis von Umwelteinflüssen? Oder ist sie gar eine self-fulfilling prophecy?

Auf Schüleraustausch in den USA probiert Werner aus, ob sich ein Mensch anders verhalten kann, als er ist, und stellt sich die Frage, warum sich gerade schüchterne Menschen, zum Beispiel bei öffentlichen Auftritten, alles andere als schüchtern verhalten. Natürlich kommt auch das Internet zur Sprache, das Schüchternen die von ihnen bevorzugte Kommunikation aus sicherer Distanz ermöglicht und ihnen den Griff zum Telefon erspart. Werner zeigt außerdem, warum Schüchterne sich am liebsten schriftlich ausdrücken und sich zu toten Sprachen hingezogen fühlen, wie Schüchternheit mit Ehrlichkeit und Authentizität zusammenhängt und warum sie ein Luxusproblem ist.

Am witzigsten ist vielleicht der Teil des Buches, in dem Werner verschiedene Ratgeber, wie man Schüchternheit überwindet, untersucht, und feststellt, dass sich seit über einem Jahrhundert hartnäckig die Empfehlung hält, auf Konfrontationskurs zu seinen Ängsten zu gehen. Werner stellt nicht nur in Frage, ob das dem Schüchtern überhaupt etwas nützt, sondern auch, ob solche Methoden angesichts ihrer Auswirkungen auf andere Menschen überhaupt vertretbar sind.

Zuletzt fragt Werner, ob schüchtern sein überhaupt schlecht ist, oder ob uns das die Pharmaindustrie nur einreden will, die ein Vermögen mit Medikamenten gegen soziale Phobie verdient. Schüchtern sein hat nämlich auch viele Vorteile – vor allem lässt es den Alltag zum Abenteuer werden und sorgt für ein intensiveres Erleben. Im letzten Kapitel malt Werner eine utopische Welt, in der alle Menschen schüchtern sind.

Unbedingt empfehlenswert – vor allem natürlich für Schüchterne!

Florian Werner: Schüchtern | Deutsch
Nagel & Kimche 2012 | 176 Seiten | Jetzt bestellen

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