Douglas Coupland: JPodSie war enttäuscht, weil sie nicht nach Nordkorea reingekommen war: zu viel Papierkram. »Damit hat man einen echten Schandfleck im Pass. Ich wollte mich bloß mal in einer Gesellschaft umsehen, die über keinerlei Technologie verfügt, bis auf drei Wählscheibentelefone und eine einzige Fernsehkamera, die sie Fidel Castro bei Schere, Papier, Stein abgeknöpft haben.«

Da hatte Bree recht. Denjenigen von uns, die zu jung sind, um noch die DDR oder die Sowjetunion zur Zeit des Kalten Krieges besucht zu haben, ist Nordkorea die letzte verbliebene Boutique-Nation mit einer Versagerdiktatur auf Steinzeitniveau.

Das JPod ist eine Abteilung von Spieledesignern, bei der die Nachnamen aller sechs Mitarbeiter durch einen Computerfehler mit J beginnt. Eine verschworene Bürogemeinschaft mit ihren eigenen Ritualen und Regeln und im ständigen Kleinkrieg mit der verhassten Marketingabteilung. Der Erzähler Ethan hat sich in die neue Mitarbeiterin verknallt, deren ganze Bestrebungen dem Ziel dienen, aus der Abteilung versetzt zu werden, dem »sibirischen Drecksloch mit einem Haufen durchgeknallter Spinner.« Es ist ihr nur schwer zu verdenken.

So spekuliert das JPod beispielsweise ausführlich über das Privatleben von Ronald McDonald und beschließt, dass der berühmte Werbeclown ein sehr einsamer Mensch sein muss. Also verfasst jeder von ihnen ein Bewerbungsschreiben als dessen neuer Lebensgefährte. Oder sie formulieren Ebay-Artikel, in denen sie sich selbst als Produkt beschreiben. Oder sie erstellen Listen über Bürogegenstände, die man mit flüssigem Stickstoff schockgefrieren kann und die Auswirkungen auf den Gegenstand. Außer diesen zeitraubenden Tätigkeiten beschäftigt sie auch die Aufgabe, dass ihr Chef im nächsten Computerspiel unbedingt eine Schildkröte haben möchte, weil sein kleiner Sohn von diesen Tieren angetan ist.

Neben dem beruflichen Stress nehmen Ethans familiäre Sorgen immer mehr Raum ein. Nach einem nervtötenden Meeting erhält er einen Anruf von seiner Mutter, die auf ihrer Hanfplantage im Keller einen Rocker per Stromschlag getötet hat. Ethans Vater, ein Gelegenheitsschauspieler und begeisterter Tänzer, ist gerade bei Dreharbeiten und kann bei der Beseitigung der Leiche nicht helfen. Als Ethan seinen Vater am Drehort besucht, lernt er dessen neue Freundin kennen, ein Mädchen, das an der Highschool zwei Klassen unter Ethan war. Unterdessen hat sein Bruder zwanzig chinesische Flüchtlinge in Ethans Wohnung untergebracht, übergangsweise, bis ihr Schleuser den Weitertransport geregelt hat. Und zu allem Übel freundet sich auch noch seine Mutter mit seinem Chef an.

Das Buch macht schon beim Durchblättern Spaß: Riesige Wörter über Doppelseiten, seitenlange Zahlenkolonnen, Listen, E-Mail-Abdrucke und viele grafische Spielereien, wie man sie bereits auf früheren Büchern von Coupland kennt. Ohne diese unsinnigen Spielereien hätte das Buch etwa hundert Seiten weniger, aber sie lockern den Text angenehm auf. Dieses erste Vergnügen wird noch gesteigert, wenn man zu lesen beginnt. Die oben geschilderten Ereignisse und Verwicklungen sind nur das erste Viertel des Buches und genauso irrwitzig geht es bis zum Ende weiter.

»Mach dich nicht über meine Paranoia lustig.«

»Bist du heute Abend auf irgendwas high?«

Schweigen.

»Bist du, Cowboy?«

»Ich habe mich ziemlich zugetusst.«

»Du weißt doch, dass du keinen Hustensaft trinken darfst. Robitussin zieht dich immer auf die dunkle Seite. Das ist Kryptonit für dich.«

»Aber die Bräute haben alle was genommen, und ich musste doch vor ihnen cool dastehen.«

»Cowboy, wenn diese nackten Mädchen von einer Klippe springen würden, würdest du dann hinterherspringen?«

»Ja klar.«

Darüber musste ich erstmal nachdenken.

»JPod« ist ein episodenhafter Büroroman, näher an »Dilbert« als an »Stromberg«. Die exzentrischen Figuren stolpern durch absurde Situationen und das Verblüffende daran: Einige dieser Situationen kommen einem persönlich bekannt vor. Unzählige Anspielungen auf die »Simpsons« geben die Richtung des Humors von JPod vor. Fans von Serien wie »Big Bang Theory« oder »The IT-Crowd« werden ihre helle Freude an dem Buch haben.

Kaum einen Autoren habe ich in den letzten Jahren mit solch wachsender Begeisterung gelesen wie Douglas Coupland.

Douglas Coupland: JPod | Deutsch von Clara Drechsler und Harald Hellmann
Tropen Bei Klett-Cotta 2011 | 510 Seiten | Jetzt bestellen

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