Don Winslow: Zeit des ZornsAls sie alt genug war und kapierte, dass Ophelia Hamlets bipolar gestörte kleine Borderline-Freundin war, die ohne Rückfahrkarte schwimmen ging, bestand sie darauf, von ihren Freunden nur noch »O« gennant zu werden. Wobei es nicht ganz unriskant war, sich den Spitznamen »O« zu verpassen, wenn man für ohrenbetäubend laute Orgasmen bekannt war. Einmal ging O auf einer Party mit einem Kerl nach oben. Trotz der Musik und allem konnte man sie bis unten hören. Der Techno stampfte, aber O übertönte ihn mühelos fünf Oktaven höher. Ihre Freunde lachten. Sie waren alle schon bei Pyjama-Partys gewesen, auf denen O ihren Hochleistungs-Häschenvibrator mit den vielen beweglichen Teilen ausgepackt hatte, und sie kannten den Refrain.

Der geniale Botaniker Ben und der ehemalige Elitekämpfer Chon haben zusammen einen Drogenhandel aufgezogen, der ungeheuer erfolgreich ist und die Aufmerksamkeit eines mexikanischen Kartells auf sich zieht. Die beiden haben das beste Gras und schwimmen in Geld. Als sie ein Angebot des Kartells ablehnen, entführt es ihre gemeinsame Freundin O und schlägt ihnen ein perfides Geschäft vor. Ben und Chon sollen drei Jahre exklusiv für die Mexikaner arbeiten und O wird in dieser Zeit in Geiselhaft verbleiben, damit sie es sich nicht anders überlegen. Alternativ können Ben und Chon sie für 20 Mio. Dollar freikaufen, was weit mehr ist, als ihr gesamter Besitz. Dennoch zögern beide keine Sekunde, alles zu opfern. Die fehlende Summe versuchen sie zu bekommen, indem sie beginnen, unerkannt die Drogenlieferungen des Kartells zu überfallen. Eine sehr riskante Strategie.

»Zeit des Zorns« lässt sich wohl am besten als »Pulp Fiction im Dokumentarstil« beschreiben. Das Buch ist knapp und schnell, manche Kapitel bestehen nur aus einzelnen Wörtern, aber es ist nicht die aufgesetzte Coolness von Tarantino-Epigonen, sondern eine rohe Wucht, die aus der Geschichte selbst und dem Schreibstil des Autors herrührt. Winslows Stil ist atemberaubend und geht weit über das Krimigenre hinaus.

Die Figuren sind bei aller Überzeichnung lebensecht und mitreißend, allen voran O (eigentlich Ophelia). Sie ist eine kaufsüchtige, nymphomane Hedonistin und lebt mit beiden Helden zusammen. Die Figur ist keine Karikatur, sondern eine eigenwillige junge Frau, die völlig von ihrem Lebensstil überzeugt ist und gerade dadurch authentisch und sympathisch wirkt. Aber selbst kleine Nebenfiguren bekommen originelle Biografien zugestanden und sind alles andere als Staffage.

Ich kann (noch) nicht sagen, ob »Zeit des Zorns« Winslows bestes Buch ist, aber es hat mich absolut begeistert und ich möchte es jedem Thrillerfan dringend ans Herz legen. Der Markt wird zwar jeden Monat von neuen Thrillern überschwemmt, aber dieses Buch ragt deutlich daraus hervor. Don Winslow ist ein Autor, den es zu entdecken gilt, und glücklicherweise liegen zahlreiche Veröffentlichungen in deutscher Sprache vor.

Unter dem Originaltitel »Savages« wurde das Buch von Oliver Stone mit John Travolta, Benicio del Toro und Selma Hayek verfilmt. Im September erscheint das Prequel »Kings of cool« als Roman.

Don Winslow: Zeit des Zorns | Deutsch von Conny Lösch
Suhrkamp 2011 | 338 Seiten | Jetzt bestellen

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