Denis Johnson: Already Dead. A California GothicTo find the people who’ve become truly sane, seek among those who’ve managed to do without sanity. The rest of us, Meadows thought, just brainlessly acquiesce.

Noch mehr als der vielversprechende Titel »Already Dead« deutet der Untertitel von Johnsons Roman, »A California Gothic«, darauf hin, dass man es als Leser mit übernatürlichen Phänomenen und irrationalen Bewusstseinszuständen zu tun bekommt, die für eine bedrückende bis schauerliche Atmosphäre sorgen und nicht notwendigerweise am Ende rational »wegerklärt« werden. Die Handlung des Romans würde ansonsten wohl ziemlich konventionell klingen: Nelson Fairchild, Landbesitzer, Ex-Hippie und Marihuana-Anbauer in Kalifornien, schuldet einem Geschäftspartner Geld, viel Geld, und setzt deswegen Carl van Ness an, seine Frau Winona umzubringen, um an ihre Lebensversicherung zu kommen. Das Absurde an der Situation ist unter anderem, dass Nelson van Ness rein zufällig kennen lernt, nämlich als Nelson ihn bei einem Selbstmordversuch vor dem Ertrinken rettet. Van Ness hält sich jedoch nicht an die Abmachung, sondern ermordet zunächst Nelsons Bruder Billy, vielleicht auch seinen Vater, und ist am Ende hinter Nelsons eigenem Leben her. Hinter Nelson selbst sind wiederum die zwei Auftragskiller seines Geschäftspartners her, die sich allerdings recht ungeschickt anstellen und für fast schon komödienhafte Einlagen sorgen.

Wäre da nicht die Art und Weise, in der Johnson die Geschichte erzählt, klingt das alles nach einem typischen Thriller, der den Untertitel gothic nicht unbedingt verdient, doch fast möchte man behaupten, die Handlung ist nebensächlich. Johnson erzeugt einen Eindruck von Unheimlichkeit auf verschiedene Weise. Er wechselt die Figurenperspektive in kurzen Abständen, ohne dabei den Fluß der Erzählung zu unterbrechen, was sich interessant ergänzende Sichtweisen ergibt. Johnson schaltet zum Beispiel in der Darstellung eines Ereignisses von Nelson als Retter zu van Ness als Gerettetem, von Nelson als Verfasser merkwürdiger Briefe zu Sheriff Navarro als deren Empfänger, oder von Nelson als Verfolgtem zu seinen Verfolgern.

Es geht also nicht so sehr um die Ereignisse an sich als vielmehr darum, wie sie die verschiedenen Figuren erfahren und interpretieren, ihre Spekulationen darüber, was sich abgespielt hat und was es bedeutet, und um ihre Bewusstseinszustände, die dem Leser recht unmittelbar präsentiert werden. Diese muten nicht selten merkwürdig an, vielleicht unter anderem aufgrund von Drogeneinfluss. Das Geschehen trägt sich nämlich in einer fiktiven Version von Mendocino zu, also der Gegend, die man aus T.C. Boyles »Drop City« als Hippiehochburg kennt, allerdings in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts, lange nach der Blütezeit der Hippiebewegung.

Die meisten Figuren in »Already Dead« sind davon in irgend einer Weise beeinflusst und bewegen sich außerhalb der Normalität – oder sie sind eben jenen eingangs erwähnten truly sane Leuten zuzurechnen. Für sie gehören jedenfalls esoterische Ansichten über Leben und Tod zum Alltag, wie etwa Seelenwanderung. Bei van Ness zum Beispiel kann man nie ganz sicher sein, ob er sich anfangs ernsthaft auf Nelsons Auftrag einlässt und das Ziel verfolgt, durch Mord und anschließenden Selbstmord jeweils ins nächste Universum zu gelangen, oder ob sein Motiv ganz einfach ist, Winona als reiche Witwe zu heiraten. Die Figur, die am ehesten in der Lage scheint, die Realität erfolgreich pragmatisch zu bewältigen, ist Surfer Clarence Meadows, Nelsons und Billys Partner und Freund, der auch ihren Tod rächt.

Die ausschlaggebenden Ereignisse an sich, zum Beispiel der Mord an Nelsons Bruder Billy, werden oft in kurzen, ziemlich objektiven Passagen geschildert. Dem Leser werden diese Schilderungen oft erst nachgereicht, als fast unwichtige Ursachen der weitreichenden Konsequenzen, die sie bereits in den Gedanken der anderen Charaktere nach sich zogen und über die der Leser früher im Bilde ist. Dieser Effekt kommt dadurch zustande, dass die Erzählung zwischen zwei Zeiträumen hin und her springt, August bis September 1990 und Oktober 1991.

Am interessantesten ist vielleicht die Entwicklung von Sheriff Navarro, der mit beiden Beinen in der Realität stand, bevor er seinen Arbeitsplatz in L.A. gegen den Schauplatz des Romans eintauscht. Nicht nur findet er sich in der ländlicheren Gegend und den Strukturen ihrer Gemeinde nicht zurecht, er lässt sich auch als Einziger ernsthaft auf Nelsons und Billys verrückte Briefe ein – Nelson legt in einer Art Bewusstseinsstrom seine Beziehungen zu van Ness und Winona dar, Billy warnt vor den Gefahren der Radartechnologie für den menschlichen Geist. Navarro ist zumindest anfangs bemüht, die Ereignisse in seiner offiziellen Rolle als Sheriff zu entschlüsseln, doch bald haben die Briefe eine vollkommen andere Bedeutung für ihn, und was »wirklich« oder »normal« ist, verschwimmt mit dem Eingebildeten und Verrückten:

I can see there’s no real need here to finish sentences or pretend to be articulate. It’s another one of those letters. You start out to do something sane and the next thing you know you’re threatening the mayor’s life or taking hostages in a supermarket.

Denis Johnson: Already Dead. A California Gothic | Englisch
Harper Collins 1999 | 435 Seiten | Nur noch antiquarisch erhältlich

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Close