David E. Gehlke: No Celebration: Die offizielle Biographie von Paradise LostWir schreiben das Jahr 1994. Ich befinde mich in einem Pulk von Fans und habe mich bis in die dritte Reihe des Konzerts vorgearbeitet. Ich habe eine fantastische Sicht auf die Band, beinahe könnte ich Nick Holmes, den Sänger von Paradise Lost, berühren. Würde plötzlich eine der Gitarrensaiten von Greg Mackintosh reißen, könnte sie mir fast eine Narbe ins Gesicht ritzen. Will sagen: Ich bin meinen Helden verdammt nah. Natürlich ist das Konzert großartig, eine Offenbarung. PL haben soeben Icon veröffentlicht, ihr viertes Album, und nun ist ihr Aufstieg unaufhaltsam. Nach diesem denkwürdigen Abend werde ich einige Tage starke Nackenschmerzen haben, denn von der ersten bis zur letzten Sekunde wird geheadbangt, was das Zeug hält. Die Eintrittskarte hat bis heute einen Ehrenplatz in meiner Sammlung.

Paradise Lost ist eine englische Death-/Doom-Metalband, deren wechselvolle Karriere dieses Buch beleuchtet. Gegründet wurde die Band im nordenglischen Halifax von fünf Schulfreunden Ende der achtziger Jahre. Bemerkenswert ist, dass vier von ihnen bis heute das metallische Rückgrat der Band bilden – nur die Position des Schlagzeugers ist über die Jahre mehrmals umbesetzt worden.

Der amerikanische Rockjournalist David E. Gehlke hat ganze Arbeit geleistet. Das Buch umfasst die Zeitspanne von den frühesten Anfängen zu Zeiten des ersten veröffentlichten Demos bis einschließlich des Albums Medusa aus dem Jahr 2017 (mittlerweile haben die Jungs mit Obsidian ein weiteres großartiges Album veröffentlicht). Jede Veröffentlichung wird in einem separaten Kapitel ausführlich gewürdigt, und was mir als Fan ganz besonders gut gefällt, ist die Menge an Informationen, die man hier für sein Geld erhält. Ich habe über die Jahre sehr viel über diese Band gelesen, im Internet und natürlich in den einschlägigen Rockmagazinen, dennoch war mir vieles von dem, was Gehlke hier ausgegraben hat, schlicht unbekannt. Neben den Musikern selbst kommen auch viele Weggefährten zu Wort, A&R-Manager, Produzenten etc., so dass von vielen Seiten Blicke auf die Band und ihr Werk geworfen werden, was No Celebration (der Buchtitel folgt einem Lied des Albums Symbol Of Life), zu einer sehr unterhaltsamen Lektüre macht.

Ein Kapitel (Vallenfyre) fällt ein wenig aus dem Rahmen, da es sich mit einem Seitenprojekt des Gitarristen Greg Mackintosh befasst. Im Laufe des Buches wird aber klar, warum dieses Kapitel durchaus seine Daseinsberechtigung hat, denn hier verarbeitet Greg auf musikalische Art und Weise den Tod seines Vaters.

Und so wird der Leser auf eine faszinierende Reise mitgenommen, von den holprigen ersten Gehversuchen im musikalischen Todesblei über den für den harten Kern der Fanbasis schwer nachzuvollziehenden Flirt mit einem Majorlabel (Host), wo es geradezu verpönt schien, die düstere Musik mit Gitarrenriffs zu unterlegen, und später wieder zurück in vertrautere Gefilde, die auf Medusa ihren bis dato vorläufigen Höhepunkt markiert.

Natürlich richtet sich dieses Buch in erster Linie an Fans der Band, aber selbst wenn man keines ihrer Alben kennt, ist die Entwicklung, die die Musiker im Laufe der Jahre machen, interessant zu beobachten. Ich besitze aktuell dreizehn ihrer sechzehn Alben, und nach dem begeisterten Schmökern in diesem Buch steht für mich außer Frage, dass ich mir die fehlenden drei auch noch zulegen werde.

So gut mir das Buch auch gefallen hat, ein Kritikpunkt darf hier fairerweise nicht fehlen. Leider finden sich darin ihm so einige Schreibfehler und ausgelassene oder falsch platzierte Wörter, dass ich mich gefragt habe, ob ich mit der englischen Originalversion nicht doch besser bedient gewesen wäre.

David E. Gehlke: No Celebration: Die offizielle Biographie von Paradise Lost
Deutsch von Andreas Schiffmann
Index Verlag 2020 | 346 Seiten | Jetzt bestellen

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