Der Schweizer Diogenes Verlag veranstaltet regelmäßig Zoom-Konferenzen für Buchhändler*- und Blogger*innen, in denen er seine aktuellen Bücher vorstellt. Anfang des Jahres las Daniel Faßbender dort aus seinem Krimi-Debüt »Heaven’s Gate: Ein Fall für Caruso«. Dies ist der erste Teil einer Reihe, der die Lesenden auf die philippinische Insel Surogao entführt, auf der sich der ehemalige Profisurfer Caruso als Privatdetektiv niedergelassen hat. Die eindrucksvolle Leichtigkeit des Augenblicks, in dem die Hauptfigur die titelgebende, anspruchsvolle Riesen-Welle bezwingt, hat mich so fasziniert, dass das Buch umgehend auf meinem Bücherstapel landete.

Ich stehe auf der Stelle, während ich mich mit hoher Geschwindigkeit auf ein gleißendes Licht zubewege. Ein Rausch. Ein konturloses Jetzt. Freiheit.

Daniel Faßbender studierte Literaturwissenschaft, Politik und Geschichte und stand im Jahr 2018 mit seinem Debütroman »Die weltbeste Geschichte vom Fallen« auf der Longlist des Blogbuster-Literaturpreises. Für »Heaven’s Gate: Ein Fall für Caruso« erhielt er ein Stipendium des 1:1-Mentoring-Programms des Literaturbüros Nordrheinwestfalens und des Literaturhauses Bonn. Daniel Faßbender lebt in Köln, ist selbst leidenschaftlicher Surfer und arbeitet in einer TV-Nachrichtenredaktion.

Seine Hauptfigur, Privatdetektiv Caruso, lebt seit ungefähr einem Jahr auf der philippinischen Insel Surogao. Er will surfen, frönt dem Nichtstun in seiner Hängematte und ertränkt seinen Trübsinn im Alkohol. Kleinere Aufträge, wie etwa das Wiederfinden gestohlener Roller oder Surfboards, halten ihn mehr, meistens jedoch eher weniger über Wasser. Er braucht unbedingt Geld. Da kommt ihm die geheimnisvolle Spanierin Ángel Guzmán Gaviria gerade recht. Sie möchte, dass er ihren seit zwei Wochen verschwundenen Sohn findet. Caruso fühlt sich von Ángel angezogen, weil sie ihn an seine Verflossene erinnert. Ihr Sohn ist ebenfalls ein begeisterter Surfer. Also sagt er zu. Übernimmt sich Caruso mit diesem Fall?

Zunächst geht er die Suche nach dem jungen Mann gelassen an. Doch schon bald versinkt er tief im Sumpf von Drogen, Gewalt, Korruption und den damit einhergehenden Problemen. An Carusos Seite steht der ehemalige Häftling, Zuhälter und Drogenhändler Dieter »Diego« Mühle. Der clevere Mann der »alten Schule« ist auch der Vater des Gesuchten. Durch ihn entsteht Spannung, er sorgt für genügend Widerspruch und verleiht Faßbenders Erzählstil den Hardboiled-Charakter. Vortrefflich geling dem Autor der Einsatz von althergebrachten Genre-Stereotypen (jovialer Umgangston, Diegos sexistische Verhaltensweisen, nachvollziehbare Zuspitzung durch Gewalt am Ende).

Offen sprach Faßbender während der Online-Lesung über seine Vorbilder: Dashiell Hammet, Raymond Chandler, Jörg Fauser. Man spürt sie insoweit, dass sie sogar im Text genannt werden. Doch man spürt auch Faßbenders Weiterentwicklung. Caruso entspricht nicht den klassischen Männlichkeitsbildern. Man empfindet seine innere Zerrissenheit, erlebt, wie er mit seinen eigenen Lastern kämpft oder welche Auswirkungen Trostlosigkeit, Gewalt und die gesellschaftlichen Missstände auf ihn haben.

Mit Diego stellt der Autor der Hauptfigur einen grandiosen zweiten Protagonisten an die Seite, der ebenso komplex angelegt ist wie Caruso selbst. Ist er sympathisch oder eher nicht? Auf jeden Fall ist er eine raffiniert angelegte Figur in dem actiongeladenen, einfallsreich konzipierten Kriminialfall à la »Surf Noir« vor einer interessant gewählten Kulisse, der zudem vorzüglich unterhält. Die gut nachvollziehbare, packende Auflösung fesselt bis zur letzten Zeile, auch wenn die gesellschaftliche Misere ebenso unverändert bleibt wie Carusos persönliche Situation. Auf eine Fortsetzung darf man sich gespannt freuen.

Ich verstaute mein Gepäck und wechselte auf das Oberdeck. In der Ferne erschien Heaven’s Gate, dahinter wankte der Surftower im Wind. …Für einen kurzen Moment drehte der Wind, blies von der Küste aufs Meer, und die Welle entfaltete ihre volle Pracht. Ein verirrter Funken Sonne ließ die Kathedrale erstrahlen. Ich schloss die Augen und kehrte zurück in ihr Innerstes.

Daniel Faßbender: Heaven’s Gate: Ein Fall für Caruso | Deutsch
Diogenes 2026 | 304 Seiten | Mehr lesen | Bestellen