Dai Sijie: Wie ein Wanderer in einer mondlosen Nacht»Nur im Traum können gewisse Dinge wahr werden.«
(Chinesisches Sprichwort)

Wie ein Wanderer in einer mondlosen Nacht, der auf einem einsamen Pfad schreitet. Und der Pfad verschmilzt in der Dunkelheit mit dem Berg, und der Berg verschmilzt mit dem Himmel. Doch in der Mitte des Weges an einer Biegung angelangt, tritt der Wanderer ins Leere. Im Fallen klammert er sich an ein Grasbüschel, was seinen schicksalhaften Fall aufhält. Doch die Kraft in seinen Händen lässt nach, und er wirft wie ein zum Tode Verurteilter einen letzten Blick in die Tiefe und sieht nur undurchdringliche Finsternis.

In seinem Roman »Wie ein Wanderer in einer mondlosen Nacht« erzählt der chinesische Autor Dai Sijie nicht nur die Liebesgeschichte zwischen der Ich-Erzählerin, einer europäischen Sinologie-Studentin, und dem geheimnisvoll wirkenden Gemüsehändler Tumschuk. Es ist mehr als die Seelenverwandtschaft, die die beiden Hauptfiguren in dem dritten Roman des chinesischen Poeten verbindet. Kunstvoll verwebt der Autor historische und kulturelle Vergangenheit mit seiner fesselnden Geschichte.

Tumschuk und seine französische Freundin, die nach der Kulturrevolution 1978 als eine der ersten Westeuropäer in Peking studieren darf, begeben sich auf die Suche nach der verlorenen Hälfte einer uralten Schriftrolle, eines seidenen Sutras, welches die geheimnisvollen Anfänge des Buddhismus in fremd anmutenden kalligrafischen Zeichen dokumentiert. Fasziniert vom Zauber der Schrift und ihrer Macht erleben die Studentin und der Gemüsehändler eine entbehrungsreiche Odyssee, die sie weit voneinander entfernt.

Immer wieder reißen Träume den gewohnten Erzählfluss auseinander, die Geschichte in der Geschichte hervorbringend. Der Leser gerät in einen unaufhaltsamen Sog, der ihn durch ein wirres Labyrinth wechselnder Orte und Zeiten führt. So erlebt man die letzten Tage des Kaisers Pu Yi, der das kostbare Fragment mit den Zähnen zerrissen und über der chinesischen Mauer aus dem Flugzeug geworfen haben soll. Die fanatische Suche nach dem Relikt beschäftigte viele Generationen.

Der französische Forscher und Vater von Tumschuk, Paul d’Ampère, wurde zu lebenslanger Haft in einem Straflager verurteilt, weil er seine Frau gegen die halbe Schriftrolle eingetauscht haben soll. Sein leidvoller Weg wiegt schwer und lässt die Repressalien von Maos kultureller Umerziehung nur erahnen. Zwangsarbeit, Selbstkritik und Sippenhaft bekommen ebenso ihr Fett weg wie die bürokratische Sturheit der Nachbarländer.

Nach d’Ampères gewaltsamen Tod ordnet auch sein Sohn alles dem geheimnisvollen Verschwinden des Sutras unter. Tumschuk verlässt dafür die Frau, die er liebt. Zwingend folgen Leid und Schmerz.

Der ostasiatischen Sprachen aus Trotz überdrüssig beschließt die Ich-Erzählerin schließlich, nach Afrika zu gehen. Sie kann jedoch ihre einstige Liebe nicht vergessen und wird immer wieder von Gewissensbissen gequält, weil sie das gemeinsame Kind nicht ausgetragen hat. Zu gern würde sie Tumschuk wieder sehen …

Sijies dritter Roman ist ebenso ein Buch vom rastlosen Suchen, Finden und Loslassen wie vom Heil durch geistige Spiritualität. Wer sich den Träumen und damit Dai Sijies atemberaubender Poesie hingibt, wird seiner Phantasie viel Nahrung geben können.

Doch dann hallt eine Stimme an sein Ohr: Lass los! Der feste Grund ist gleich unter deinen Füßen. Der Unverzagte folgt der Aufforderung und landet heil auf einem Pfad, der sich kaum einen Chi unter ihm befindet.

Dai Sijie: Wie ein Wanderer in einer mondlosen Nacht | Deutsch von Giò Waeckerlin Induni
Piper 2010 (2. Auflage) | 320 Seiten | Jetzt bestellen

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