Die junge Autorin Christina Fonthes wurde 1987 in Kinshasa, Kongo, geboren und lebt heute in London. Ihr Romandebüt »Wohin du auch gehst« ist im vergangenen Jahr beim Schweizer Diogenes Verlag erschienen, ebenbürtig und von Michaela Grabinger aus dem Englischen ins Deutsche übertragen. Christina Fonthes erzählt darin die Geschichte zweier in Kinshasa geborenen und in London lebenden Frauen. Die Lesenden verfolgen die Geschehnisse um Mira (später in London wird sie Tantine Mireille genannt) und der jungen Bijoux über einen Zeitraum von vierzig Jahren.
Bijoux wird von ihren Eltern als heranreifendes junges Mädchen nach London geschickt. Ihr Leben pendelt zwischen afrikanischen Traditionen und dem modernen Leben in London, hin- und hergerissen zwischen Vertrautem und Unbekanntem. Bijoux ist lesbisch und gerät in Bedrängnis, als Tantine Mireille ihr unmissverständlich mitteilt, dass sie heiraten müsse. Der Mann sei bereits ausgewählt.
Mireille ist strenggläubig und verlangt von Bijoux die Teilnahme an jeder Versammlung und jedem Gottesdienst der kirchlichen Sekte unter Papa Pasteur. Homosexualität, so Tantine Mireille, »ist unafrikanisch«. Bijoux muss sich einem grausamen Exorzismus beugen, der sie »heilen« soll. Schließlich fügt sie sich der Heirat mit einem jungen Mann aus »gutem Hause«. Der ist ebenso unfreiwillig zum Ehemann geworden und verbringt seine Nächte außerhalb der gemeinsamen Wohnung.
Als mutige, positiv wirkende Frau erzählt Bijoux offen von ihrer Liebe und der Unterdrückung. Sie nimmt die Herausforderungen an und sammelt Kraft in der neuen Liebesbeziehung zu Chancey, die ebenfalls aus Kinshasa stammt. Nach und nach gelingt es ihr durch immer wiederkehrendes Aufbegehren die patriarchalischen Grenzen zu unterhöhlen und sich von den vorgegebenen Normen abzuwenden.
Miras Leben wird auktorial erzählt und gestaltet sich komplex. Ihr Weg führt von der Rebellion hin zu einer übertriebenen Religiosität mit verheerenden Folgen. Welches schwere Geheimnis trägt Mira in sich? Warum verschanzt sie sich hinter ihrem Schweigen? In welchem Verhältnis steht sie tatsächlich zu Bijoux?
Dass Christina Fonthes ihren Roman anachronistisch angeordnet hat und zwischen verschiedenen Zeiten vor- und zurückspringt, erzeugt Spannung und zieht in das Geschehen. Man hofft und leidet mit den Protagonistinnen. Während die Ich-Perspektive von Bijoux mehr Nähe erzeugt, bleibt die Figur der Tantine Mireille eher bewusst distanziert.
Beide Frauen müssen sich gegen oder für die Liebe entscheiden, mit weitreichenden Folgen für ihre Zukunft. Auch Rut hat im Alten Testament eine mutige Entscheidung getroffen, nachdem ihr jüdischer Mann gestorben war: gegen ihre Familie und deren moabitische Götter, für ihre Schwiegermutter Noomi und Bethlehem.
»Rut antwortete: Dränge mich nicht, dich zu verlassen und umzukehren. Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.« (Aus der Bibel, Altes Testament, Buch Rut 1,16)
Die persönlichen Erlebnisse der beiden sehr unterschiedlichen Frauen sind eng an das Zeitgeschehen gebunden. Christina Fonthes erzählt packend vom afrikanischen Leben, schildert anschaulich die vorherrschende Gewalt im Kongo und nimmt sich dem Schicksal der in Europa lebenden Afrikaner*innen an. Die müssen sich auch in der Diaspora mit den strikten Wertevorstellungen ihrer Heimat auseinandersetzen. Man erlebt mit, welche Macht Familie ausüben kann und wie stark Traditionen nachwirken – ohne einseitige Verurteilungen, ohne pädagogischen Zeigefinger.
Die Figuren in Christina Fonthes Roman leben von ihrer Authentizität und Vielschichtigkeit. Glaubwürdig leise wird altes Rollenverständnis aufgebrochen. Nachvollziehbar wird um die Zugehörigkeit in Gesellschaft und Familie gestritten. Lesenswert und sehr zu Herzen gehend!
Christina Fonthes: Wohin du auch gehst | Deutsch von Michaela Grabinger
Diogenes 2025 | 416 Seiten | Mehr lesen | Bestellen
