Christian Kracht: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im SchattenEs reihte sich Sieg an Sieg für die Schweizer Truppen. Im Süden und in Mozambique standen sie im Grabenkrieg den Buren gegenüber, im Norden reichte ihr Einfluss bis an die Grenze zum äthiopischen Kaiserreich. Und dort, wo kein Krieg herrschte, bauten sie Schulen, Universitäten und Krankenhäuser. Strassen wurden Tausende von Werst durch Ostafrika gezogen und Eisenbahnstrecken verlegt, es kamen Arbeiter und Ingenieure, Wissenschaftler und Soldaten, immer mehr Soldaten. Ihr Kommen war wie eine Plage für einige, wie ein Segen für andere.

Die Schweiz hat durch ein Söldnerheer expandiert, eroberte und besiedelte Ostafrika. Alle modernen Errungenschaften wurden dort eingeführt und man gründete Militärakademien, um den Nachwuchs für den Krieg gegen Deutschland und England auszubilden. Der Ich-Erzähler war einer dieser afrikanischen Soldaten, inzwischen ist er Parteikommissär der Stadt Neu-Bern in der Schweizerischen Sowjetrepublik SSR und jagt den abtrünnigen Oberst Bazhinsky bis zu der tief in den Alpen gelegene Bergfestung Réduits.

»Wir halten hier die Stellung, ein paar Mwanas und ich. Wenn sie nicht betrunken sind, machen sie sich aus Angst vor den Deutschen in die Hose. Und du, du hast dich auch angepisst?« Er wies mit der Rasierklinge auf das gefrorene Urin vorne an meinen Hosenbeinen.

»Ja. Ich hatte Angst, auf einer Mine zu sterben.«

»Ich habe keine Angst mehr. Ich habe verlernt zu lesen, wie ich es früher konnte. Der Krieg macht uns zu Geisteskrüppeln. Weißt du, dass ich niemals den Frieden erlebt habe, nicht einmal als Säugling? Sechsundsiebzig Jahre diesen Sommer. Es kommt nichts mehr nach uns. Oder aber es geht immer so weiter.«

»Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten« ist eine Alternativweltgeschichte, in der deutsche Selbstmordattentäter mit Gasgranaten herumrennen, Lenin in der Schweiz an Leukämie starb, nachdem ihm die Revolution gelungen war, die Schriftsprache ebenso verpönt ist wie die Religion und alle Bibeln verbrannt wurden. Jeder durchschnittliche SF-Autor hätte daraus einen siebenbändigen Zyklus gezimmert. Kracht dagegen schreibt in einem knappem Stil, ohne große Ausschmückungen, aber umso treffender in der Wortwahl. Seine Sätze sind so präzise auf dem Punkt, dass sie kein überflüssiges Wort benötigen. Es ist immer wieder faszinierend, wie das Buch die Fantasie des Lesers fordert, indem es ihm nur die Eckpunkte vorgibt. Vieles muss man zwischen den Zeilen lesen und einiges wird schlicht der Fantasie überlassen. Gerade weil man nicht jeden Schauplatz bis ins letzte Detail beschrieben bekommt und der geschichtliche Überbau nur sehr sporadisch skizziert wird, wirkt alles noch viel intensiver.

Herausgekommen ist bei Kracht eine reinrassige Abenteuergeschichte von Verfolgung, Mord und Untergang. Mitreißend und absolut fesselnd. So erinnert der Roman sehr an Cormac McCarthys »Die Straße«. Sowohl in seinem knappen, harten Stil als auch in der desillusionierenden Schilderung einer verlorenen Zukunft.

Christian Kracht: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten | Deutsch
Kiepenheuer & Witsch 2008 | 192 Seiten | Jetzt bestellen

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