Benedikt Gollhardt: Westwall»Wissen Sie auch, was Sie da erwartet? Da draußen?«

Der Hauptkommissar deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger zum Fenster, eine drohende Geste. Er hatte diesen Vortrag schon Hunderten von Studenten gehalten und ihn über die Jahre hinweg verfeinert, aber diese Geste gefiel ihm besonders. Sie unterstrich, dass es ein sicheres »Drinnen« und ein wildes, dschungelartiges »Draußen« gab, und das war die Wahrheit.

»Da draußen wird man gegen Sie kämpfen. Sie werden zwanzig Stunden im Einsatz stehen, man wird Sie bespucken, mit Pflastersteinen und Molotowcocktails bewerfen, mit dem Messer auf Sie losgehen, Sie anbrüllen und beleidigen. Man wird Sie hassen!«

Als Roosen Julias starres Gesicht sah, spürte er plötzlich, wie von irgendwoher – weiß der Geier, woher – Traurigkeit in ihm aufstieg. Sie war so jung, schoss es ihm durch den Kopf, sie war so unschuldig. Er musste sich zügeln. Er durfte ihr nicht alles sagen. Dass es noch Schlimmeres als Molotowcocktails und Pflastersteine gab.

Die junge Polizeianwärterin Julia hat schwer zu kämpfen. Mit ihrem Ausbilder Roosen, der jede ihrer Schwächen mit der Präzision eines Bluthundes aufspürt, und mit ihrem pflegebedürftigen Vater Wolfgang, einem Ex-Punker und Friedensaktivisten, der mit der Berufswahl seiner Tochter alles andere als einverstanden ist. Deshalb ist sie besonders empfänglich, als sie den netten, aber unkonventionellen Nick kennenlernt und verliebt sich bis über beide Ohren. Bis sie nach einer gemeinsamen Liebesnacht das T-Shirt des schlafenden jungen Mannes hochschiebt, der sich bisher nie nackt zeigen wollte. Über seinen gesamten Rücken ist ein riesiges Hakenkreuz tätowiert.

Der Roman verleitet auf vielfältige Weise dazu, ihm auf den Leim zu gehen. Beginnt man die Lektüre ohne jede Vorkenntnis des Inhalts, könnte man »Westwall« für einen Endzeitthriller halten, in dem postapokalyptische Banden ihren Ritualen frönen. Aber schnell wird klar, der Roman spielt im Hier und Heute, was das Geschehen nur umso erschreckender macht.

Liest man den Klappentext, könnte man sich darüber ärgern, dass vermeintlich der Clou der Geschichte zugunsten des Kaufanreizes preisgegeben wird. Zugegeben, eine Überraschung der überraschungsreichen Handlung geht dadurch verloren, aber das tut dem Unterhaltungswert keinen Abbruch. (Weshalb ich das Hakenkreuz auch in dieser Rezension verrate.)

In einer Zeit, in der sich Bücher, Filme und Serien gegenseitig mit Knalleffekten übertreffen, ist es nicht einfach, eine Geschichte zu erzählen, in der nicht jeder Twist der Handlung wie ein Klischee wirkt. Die Überraschungen in diesem Buch sind keine Effekthascherei, sondern bauen sich stimmig aus der Geschichte auf. Natürlich ist nicht alles neu an »Westwall«, und der titelgebende Ort kommt meiner Meinung nach etwas zu kurz, aber das Buch bringt interessante Figuren in spannende Konflikte und unterhält bis zum Ende einfach glänzend. Deshalb: Hut ab vor diesem Roman. Benedikt Gollhardt hat mit seinem Thriller das Rad nicht neu erfunden, aber er hat ein verdammt gutes Rad gebaut.

Lob auch für Uve Teschner, der dies für seine Leistungen im Hörbuchbereich schon gar nicht mehr nötig hat. Mich beeindrucken jene Sprecher am meisten, die man nicht »bemerkt«. Deren Vortrag alles aus einer Geschichte herausholt, ohne dass man als Zuhörer einen Gedanken daran verliert, wie dies dem Sprecher gelingt. Bis man am Ende den Namen auf dem Booklet liest und denkt: Ach, der schon wieder – und wie immer klasse.

Benedikt Gollhardt: Westwall | Deutsch
Penguin 2019 | 496 Seiten | Jetzt bestellen

Benedikt Gollhardt: Westwall | Gelesen von Uve Teschner | Deutsch
Der Hörverlag 2019 | Dauer: 11:40 Std. | Jetzt bestellen

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