Arthur Miller: FokusDer amerikanische Autor Arthur Miller ist vorrangig für seine Dramen bekannt. Viele assoziieren mit seinem Namen den »Tod eines Handlungsreisenden« und denken an Heinz Rühmann in der Verfilmung von Gerhard Klingenberg 1968 oder an Dustin Hoffmann in Volker Schlöndorffs Film aus dem Jahr 1985.

Millers einziger Roman »Fokus« erschien erstmals 1945, zehn Jahre später in deutscher Sprache in der Übersetzung von Doris Brehm. Darin greift Arthur Miller das Thema Antisemitismus in den USA nicht nur auf, sondern thematisiert die bürgerliche Mitverantwortung gegen Rassendiskriminierung und Völkerverhetzung schlechthin.

Der aktuellen Ausgabe der Büchergilde Gutenberg ist sein Vorwort aus dem Jahr 1984 vorangestellt. Während man täglich mit rechtem Gedankengut konfrontiert wird und Wahlen dies untermauern; während Flüchtlinge grundlos als Gefahr an den Pranger gestellt und Religionen gegeneinander ausgespielt werden, liest es sich wie ein brandaktuelles Statement.

Heute fragt man sich unweigerlich, ob es je wieder zu einer Situation kommen könnte, wie sie in dem Roman beschrieben wird, und die Antwort kennt niemand … Man fürchtet die Juden, so scheint es manchmal, als das jeder symbolischen Ordnung entzogene »Reale«. Und vielleicht liegt hierin der Grund, warum auf ein wahres Ende antisemitischer Gefühle kaum zu hoffen ist. In den Spiegel der Realität zu schauen, die unschöne Welt und sich selbst zu erkennen, ist wenig erhebend und erfordert Charakter.

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges lebt Lawrence Newman mit seiner Mutter in einem kleinen Haus in Queens am Stadtrand von New York, um sich vor »gewissen Elementen« zu schützen. Selbst bis hierher haben sich diese schon breit gemacht, wie zum Beispiel der jüdische Süßwarenhändler Finkelstein. Newman möchte so wenig wie möglich auffallen. Teils kleinlich ordentlich, teils linkisch wünscht er sich ein freundschaftliches Verhältnis zu seinen Nachbarn. Die politischen Entwicklungen beobachtet er eher gleichgültig.

Newman arbeitet als leitender Angestellter in einer großen Firma. Durch den Einbau von Glaswänden hat er die Effizienz der ihm unterstellten Sekretärinnen gesteigert, denn unbeobachtet plaudern ist nicht mehr möglich. Von seinem unmittelbaren Vorgesetzten wird er angehalten, keine »unliebsamen« Personen einzustellen, die den Büroalltag durcheinanderbringen. Als Lawrence Newman seine Kurzsichtigkeit nicht mehr verheimlichen kann, nimmt das Unheil seinen Lauf. Die Brille, die ihn plötzlich »jüdisch« aussehen lässt, verändert alles.

Nicht nur seine Mutter äußert diese Bemerkung, auch seine Vorgesetzten degradieren ihn aus diesem Grund. Newman fühlt sich erniedrigt und kündigt ohne zu ahnen, welche Probleme ihn in nächster Zeit noch erwarten. Mit fadenscheinigen Ausreden lehnen ihn Personalabteilungen ab – trotz freier Stellen, trotz des Krieges. Ein weniger angesehenes Unternehmen stellt ihn letztendlich unter seiner Qualifikation und mit weitaus schlechterer Bezahlung ein. Der Abstiegt von Lawrence Newman scheint vorprogrammiert.

Miller führt dem Leser schonungslos vor Augen, wie machtlos er dem Voranschreiten seiner Ausgrenzung und der antijüdischen Hetze gegenübersteht. Durch die Frau, die er heiratet und zunächst für eine Jüdin hält, spitzt sich die Situation weiter zu. In seinem Wohnviertel strebt die »Christliche Front« die »Säuberung« an, obwohl dort nur der Süßwarenhändler Finkelstein ein »echter« Jude ist. Lawrence Newman, der mit seiner Brille jüdisch wirkt, blickt zunehmend durch. Er wird gezwungen, Haltung zu zeigen. Dies ist für Newman zwar schmerzhaft, stärkt ihn jedoch auch.

Doch wie sieht ein Jude wirklich aus? Miller spitzt die Frage insofern zu, dass für ihn bereits die Brille als Indiz ausreicht. Die Buchillustratorin und Grafikerin Franziska Neubert überlässt es dem Leser, sich (k)ein Bild von Lawrence Newman zu machen. Keiner der zwanzig Holzschnitte in gedeckten Farben lässt ein Gesicht erkennen. Damit rückt sie die bedrohliche Ausgrenzungsszenerie noch weiter in den Fokus.

Die Holzschnitttechnik der »Verlorenen Form« (das gesamte Motiv wurde jeweils aus einer Holzplatte geschnitten) lässt die eigenwilligen Bildkompositionen und – perspektiven für sich wirken. So nimmt der Betrachter scheinbar normale, unwichtige Dinge ins Visier. Beim Autor ist die Brille der Stein des Anstoßes. Die Holzschnitte begleiten den Leser durch die Geschichte, nicht mehr und nicht weniger.

Buchgestalterin Cosima Schneider hat dem bibliophilen Kleinod mit allerhand Raffinessen die Krone aufgesetzt: Auf dem Rautenmuster des Vorsatzpapiers finden sich die Unebenheiten der Holzschnitte wieder, passend farbiges Lesebändchen, kleine Rauten vor bzw. hinter den Seitenzahlen, die schwarze Brille auf dem Leineneinband, der Schutzumschlag, der aufgeklappt ein ganzes Motiv ergibt. Möge dieses Buch in den Fokus einer möglichst großen Leserschar geraten!

Arthur Miller: Fokus | Deutsch von Doris Brehm
Edition Büchergilde 2017 | 280 Seiten | Jetzt bestellen

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