Arnoldo Gálvez Suárez: Die Rache der Mercedes LimaDank der unüberschaubar zahlreichen Nachrichtenkanäle meinen wir, über alle Informationen zu verfügen. Doch Hand aufs Herz: Was weiß die deutsche Leserschar über ein Land wie Guatemala? Für viele ein weißer Fleck – geografisch, inhaltlich, sprachlich, kulturell. Dass viele literarische Werke übersehen werden, weil die Autorin oder der Autor in einem abgelegenen Land leben, änderte der Schriftsteller und Herausgeber Ilija Trojanow vor zehn Jahren und gibt seitdem die »Weltlese – Lesereisen ins Unbekannte« heraus. Dank Übersetzer Lutz Kliche, der Mittelamerikas literarische Welt gut kennt, ist die Lesewelt seit Herbst des vergangenen Jahres um eine Weltlese reicher. Die führt nach Guatemala. Dort ist der jüngste Roman des jungen Autors Arnoldo Gálvez Suárez »Die Rache der Mercedes Lima« angesiedelt, der bei der Edition Büchergilde erschien.

Daniel Rodríguez Mena ist in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Dozent für guatemaltekische Geschichte an der staatlichen Universidad de San Carlos de Guatemala. Das Land ist fest im Griff der Militärjunta, deren blutige Willkür man überall spürt, auch in den Hörsälen der Universität. Dem Geschichtsprofessor wirft man vor, dass er zu wenig, ja gar nichts tue.

Eine junge Frau mit sehr langem, schwarzem, glänzendem Haar lässt den bisher ruhigen Professor Mena doch einschreiten. Liebt er das Mädchen? Will er sie nur beschützen? Sie sieht gut aus, ist fleißig, begabt und zudem schwanger. Deswegen will sie das Studium abbrechen. Mena will sie davon abbringen und hört Dinge, die er nie hätte erfahren sollen. Obendrein bietet er ihr an, bei seiner Familie zu wohnen.

Eines Abends sieht der ältere Sohn Alberto, wie sein Vater mit blutverschmiertem Hemd nach Hause kommt. Das verängstigt den Jungen so sehr, dass er in seinen Schlafanzug nässt. Er hört die Schreie seiner Mutter, die ihren Mann nicht mehr versteht und ihn zu seiner »Hure« wünscht. Am nächsten Tag wird Daniel Rodríguez Mena auf offener Straße erschossen.

Alberto vermutet einen Zusammenhang zwischen der Ermordung des Vaters und dem Blut auf seiner Kleidung. Jahrelang glaubt er an einen politischen Mord. Ob sein Vater jedoch von der Junta umgebracht oder Opfer eines Eifersuchtsdramas wurde, in das auch die junge Frau mit sehr langem, schwarzem, glänzendem Haar verwickelt war, hat er bisher nicht erfahren.

Etwa 25 Jahre später arbeitet Alberto als Fotograf und mit Luisa verheiratet, die sich immer mehr von ihm entfernt. Am Leben seines Bruders Daniel kann er nur bei Facebook teilhaben. Die Schrecken der Junta scheinen längst Vergangenheit. Dann bemerkt Alberto im Supermarkt eine Frau, die er als ehemalige Studentin seines Vaters wiedererkennt: Mercedes Lima. Sein Gedächtnis ruft augenblicklich die Erinnerungen an dessen gewaltsamen Tod ab. Da Mercedes Lima für ihn die Einzige ist, die Licht in das Dunkel seiner eigenen Vergangenheit bringen kann, beschließt er, ihr zu folgen. Während seiner Suche gerät Alberto in die Fänge neuer Gespenster, die ihn fest umklammern. Sie ziehen ihn in ein dramatisches Verwirrspiel voller Zweifel, Lügen und Verrat.

Der 1982 geborene Autor Arnoldo Gálvez Suárez arbeitet in seinem ersten ins Deutsche übersetzten Roman die beklemmende jüngste Geschichte Guatemalas auf. Sein Blick in den Sumpf der rechtskonservativen Militärdiktatur liest sich mehr als spannend. Ein Kriminalroman? Ein Thriller? Mit der Geschichte von Alberto, der seinen Platz in der Gesellschaft noch nicht gefunden hat, ist Suárez das Abbild einer Gesellschaft gelungen, in der immer noch gelogen und totgeschwiegen wird.

Der Unterschied zwischen sexueller Begierde und Liebe wird verwischt. Hier das Bild der aufrichtigen Familie, dort nehmen sich die Männer die Frauen einfach, betrügen und nutzen sie aus. Die wiederum ziehen ihre eigenen Vorteile aus der männlichen Wichtigtuerei. Auch Alberto ist in diesem Lügengeflecht gefangen, ist er doch von seiner Frau Luisa finanziell abhängig. Täter und Opfer verschmelzen, Konflikte gären bis heute ungelöst und sorgen immer wieder für Gewaltausbrüche.

Ein hartes und gleichsam lesenswertes Buch, für das Übersetzer Lutz Kliche einen stimmigen Ton gefunden hat. Am Ende bleibt der Leser mit dem beunruhigenden Gefühl zurück, dass willkürliche staatliche Gewalt viele Generationen in den Abgrund zieht.

Arnoldo Gálvez Suárez: Die Rache der Mercedes Lima
Deutsch von Lutz Kliche | Herausgegeben von Ilija Trojanow
Edition Büchergilde 2017 | 336 Seiten | Jetzt bestellen

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Close