Anthony McCarten: Superhero»Ich mach den Abgang bevor es richtig losgeht.« (…) »Und wissen Sie, was das Schlimmste ist?!« (…) »Ich sterbe als beknackte Jungfrau. Scheißspiel.«

Initialen wie die berühmteste Ente der Welt, Hiphopper, künstlerische Ader, 14 Jahre alt – Krebs (die Krankheit, nicht das Sternzeichen). Willkommen in der Welt von Donald Delpe. Das Leben wäre in diesem Alter schon schwierig genug, die Pubertät macht schließlich jedem Jugendlichen zu schaffen, das kaum in Worte zu fassende Verlangen nach Leben, die Sehnsucht und gleichzeitige Angst hinsichtlich des »ersten Males«. Warum nur muss er dann noch dieses zusätzliche Kreuz tragen, diesen Feind in seinem Körper, der ihn wie einen geprügelten Boxer in die Seile schickt, schwer angeknockt nach zwölf mörderischen Runden.

Da wäre Unterstützung dringend vonnöten. Von seinem Bruder Jeff ist diese jedoch nicht wirklich zu erwarten, ein Poser und Schwätzer wie aus dem Bilderbuch. Selbst in Liebesdingen kann er Donald nicht wirklich weiterhelfen. Seine Eltern – liebevoll und besorgt, so wie es sich gehört, sind sie doch gleichzeitig gefangen in ihrer Unsicherheit, ihren Ängsten, wie dieser Krankheit beizukommen sei.

Aber Donald ist ein Kämpfer. Wenn die Welt keine Retter anbietet, muss halt einer erfunden werden. In Donalds Fall ist es MIRACLEMAN, ein Superheld, dessen unglaubliche Abenteuer im Kampf gegen den bösen Superschurken GUMMIFINGER Donald wann immer es seine Kraft zulässt, in seine Kladde zeichnet und so eine phantastische knallbunte Gegenwelt kreiert, die dem oft schmerzhaften Alltag diametral entgegensteht.

Aber noch wichtiger sind die realen Helden, die Donald Mut machen, den Kampf gegen seine Krankheit anzunehmen, wie zum Beispiel Adrian, der sympathische Psychologe, der mit seinem eigenen Liebesleben eigentlich schon genug zu tun hätte und durch seine Fürsorge für Donald seine Stellung aufs Spiel setzt. Oder die süße Shelly, die ihn an Orte bringt, von denen er nur zu träumen gewagt hatte. Tja … und dann ist da noch eine gewisse Tanya … aber das ist dann eine ganz spezielle Begegnung … Und so stellt sich Donald der Herausforderung und nimmt den Kampf an.

Der Roman liest sich wie eine surreale Mischung aus Buch, Film und Comic. Die Szenen werden wie in einem Drehbuch benannt (Innen. Adrians Wohnung. Tag.), die Schriftart wechselt zwischen normaler Schriftgröße und Comic-Font. Hin und wieder springt der Autor zwischen Donalds Leben und dem Storyboard seines Comics hin und her, so dass beim Lesen die beiden Ebenen sich miteinander vermischen. Wer ist der eigentliche Superheld?

Mit Donald Delpe hat Anthony McCarten einen denkwürdigen Charakter erschaffen: einen Jungen, der – auf seine ganz eigene Weise – seinem schweren Schicksal trotzt und all denen da draußen, die Ähnliches erdulden müssen, ein Gesicht gibt – selbstbewusst und unbeugsam. Und Donald ist es auch, der uns an den intensivsten Stellen des Buches klar macht, was wir alle brauchen: Freunde. Und Liebe.

Anthony McCarten: Superhero | Deutsch von Manfred Aillié und Gabriele Kempf-Aillié
Diogenes 2008 | 302 Seiten | Jetzt bestellen

1 Kommentar

  1. Ich lese bzw höre gerade „Englischer Harem“ von McCarten. Ein nettes Lehrstück über Bigotterie, Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit, mit viel Humor und glaubhaften Charakteren. Lohnt sich.

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