Andrew Davidson: GargoyleEin Metalldorn bohrt sich seitlich in den Wagen, spreizt ihn auf. Uniformen. Herrgott, ich bin in der Hölle und sie tragen Uniform. Einer brüllt. Ein anderer sagt: »Wir holen Sie da raus. Keine Sorge.« Er trägt eine Dienstmarke. »Das wird schon«, verspricht er mir durch seinen Schnauzbart hindurch. »Wie heißen Sie?« Weiß nicht mehr. Ein anderer Sanitäter brüllt einem, den ich nicht sehen kann, etwas zu. Bei meinem Anblick zuckt er zurück. Dürfen die das? Schwärze.

Ein Pornodarsteller verursacht unter Drogeneinfluss einen Autounfall, bei dem der größte Teil seines Körpers verbrannt wird. Zu Beginn springt die Handlung zwischen der schmerzhaften Behandlung auf der Verbrennungsstation und seinem Werdegang in der Pornoindustrie hin und her. Er erzählt von seiner schlimmen Kindheit und den ersten Erfahrungen am Drehort, aber nie lamentierend oder als Opfer, sondern durchweg pointiert und sympathisch. Die Krankenhausszenen sind sehr drastisch. Unglaublich detailliert werden Informationen geliefert, die man nie wirklich haben wollte, die allerdings auch sehr faszinierend sind. Der namenlose Erzähler erträgt die Schmerzen und die Verzweiflung nur, weil er sich fest vorgenommen hat, nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus Selbstmord zu begehen.

Kaum glaubt man als Leser zu wissen, worum es in dem Buch geht, da schwenkt die Handlung überraschend um. Im Krankenhaus taucht eine Bildhauerin namens Marianne Engel auf und behauptet, den Erzähler schon seit 700 Jahren zu kennen. Im Deutschland des 14. Jahrhunderts begegneten sie sich, sie als Nonne, er als Söldner. Sie nimmt ihn mit in ihr Haus und übernimmt seine Pflege. Dabei erzählt sie ihm immer weiter von ihrer gemeinsamen Vergangenheit und andere, meist tragische Liebesgeschichten aus verschiedenen Epochen. Elemente des historischen Romans und des Fantasy-Romans treten auf. Manche erinnern an Ken Folletts »Säulen der Erde«, andere an Rosamunde Pilcher.

Während der Lektüre fragt man sich oft, welchen Sinn die Rückblenden haben und hofft auf eine erklärende und sinnstiftende Auflösung am Ende. Diese erfolgt nur bedingt. Die Symbiose der unterschiedlichen Motive gelingt meiner Meinung nach nicht, und es wirkt manchmal, als seien bei einem Zusammenstoß auf dem Verlagsflur zwei Manuskripte durcheinander geraten. Die Abschnitte, die nicht aus der Perspektive des namenlosen Helden erzählt werden, fallen deutlich ab. Dies ist umso ärgerlicher, weil die Krankenhausszenen geradezu brillant sind. Die ersten hundert Seiten gehören mit zum Besten, was ich im letzten Jahr gelesen habe, und auch im weiteren Verlauf des Buches gibt es noch viele herausragende Stellen. Man wartet ungeduldig auf den herrlich schnoddrigen Erzählton des Protagonisten:

Ich erlebte das panikartige Hochgefühl des Neubeginns. Es ist nicht einfach, so auszusehen, wie ich: In der Popkultur sieht man ein Gesicht wie meins nur beim Phantom der Oper, bei Freddie Kruger aus der Elm Street oder bei Leatherface aus dem Herzen Texas. Klar, auch ein Verbrennungsopfer kann »das Mädchen kriegen« – aber zumeist nur mit der Spitzhacke.

Das Buch wurde bereits vor dem Erscheinen in 26 Länder verkauft und die Kritiken sind fast durchgängig euphorisch. Mit den oben genannten Einschränkungen schließe ich mich ihnen an.

Andrew Davidson: Gargoyle | Deutsch von Eike Schönfeld
Bloomsbury Berlin 2009 | 576 Seiten | Jetzt bestellen

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