Andreas Zwengel: WespennestDer Ort blieb ein Theaterstück ohne Zuschauer. Ein privater Themenpark wie die Neverlandranch von Michael Jackson, wo dieser seine Kindheit nachholen wollte.

Wer den Ort Ginsberg im hessischen Oberlahnkreis auf der Landkarte sucht, wird enttäuscht sein, dass er nicht zu finden ist. Wer jedoch die gut erzählte, spannende Geschichte über das fiktive Dörfchen liest, wird den Ort und seine charakteristischen Bewohner noch lange im Gedächtnis behalten. Obwohl diese frei erfunden sind, wie der Autor Andreas Zwengel vornweg betont. »Wespennest« heißt der Krimi, der ohne Tote und fast bis zum Ende ohne Polizei auskommt, dafür aber mit reichlich Situationskomik gespickt ist.

Im Mittelpunkt stehen die Geschehnisse in Ginsberg. Bürgermeister Carlhainz Garth ist Millionär. Mit seinem Geld, List und Tücke hat er Ginsberg die Hülle beschaulichen Landlebens übergestülpt. Sein neuester Coup ist ein Bauprojekt, mit dem er seinen Reichtum mehren und die High Society aus der Stadt anziehen möchte. Seine engsten Mitarbeiter Viktor und Villeroy sollen Garths schärfste Kritiker mit Gewalt aus dem Dorf vertreiben. Zu ihnen gehören Felix Gernhardt, dessen Onkel Leo sowie Bruno Lorenz und Lothar Wicke. Letztere setzen alles daran, das Hotelprojekt zu sabotieren.

Zugegeben, ganz legal sind die Mittel nicht, die Lorenz und Wicke anwenden. Ihre ein wenig ungeschickt wirkenden Unternehmungen provozieren komödienreife Momente, die einer Lawine gleichen. Felix versucht indes, den (Flur-)Schaden für sich und seine Freunde so klein wie möglich zu halten. Da kann schon mal ein Passat zwischen zwei Bäumen eingekeilt sein oder ein Fußballspiel aus reiner Wettlust manipuliert werden. Felix gerät in eine Massenschlägerei, Leos Waffen verschwinden aus einem billigen Spind, der Einbruch in Garths Firma wird auf einer Videokassette festgehalten und jemand legt die Baumaschinen für Garths nächste Einnahmequelle lahm. Der Autor überspitzt die Verwicklungen in seiner Geschichte und der Leser ahnt, dass des Bürgermeisters filmreife Manipulationen in einer Sackgasse enden werden.

Die Polizei bekommt doch noch ein wenig zu tun. Andreas Zwengel erzählt die Geschichte über Korruption und Machtmissbrauch in einem hessischen Dorf dicht und sehr bildhaft. Seine präzise entwickelten Charaktere beflügeln des Lesers Phantasie und geben so dem Kopfkino genügend Nahrung. Besonders einnehmend, der durchweg leichte Ton, der hier und da auch ironische Züge trägt. Natürlich wird der aufmerksame Leser das eine oder andere Klischee registrieren, doch sind diese wie die famosen Übertreibungen wohl dosiert und sorgen für die Portion Spaß beim Lesen. Gute Unterhaltungsromane müssen unter die Leserschaft, hier ist einer mit langer Nachwirkung.

Das gewohnte Leben in Ginsberg kam schleppend wieder in Gang. Viele Einwohner hatten Grund, sich bei ihren Nachbarn zu entschuldigen, und für eine kurze Weile strahlte eine Aura von Harmonie und Zuvorkommenheit über dem Ort.

Andreas Zwengel: Wespennest | Deutsch
Saphir im Stahl 2014 | 250 Seiten | Jetzt bestellen

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