Alex Capus: Léon und LouiseEs ist nicht so, dass ich die vergangenen zwölf Jahre unablässig an Dich gedacht hätte, weißt Du? Man kann schließlich nicht länger als ein paar Monate in diesem Zustand bleiben, irgendwann stößt man an seine Leistungsgrenze.

Léon und Louise waren fast ihr ganzes Leben ein Liebespaar, haben sich jedoch bis ins hohe Alter immer nur sehr kurz gesehen. Léon Le Gall ist 17, als er die Schule verlässt und die ähnlich junge Louise kennenlernt, die er sein Leben lang lieben wird. Léons Enkel rekonstruiert aus dem Rückblick, beginnend mit der Beerdigung seines Großvaters, die Liebesgeschichte dieses ungewöhnlichen Paares.

Just nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht geraten sie in einen Fliegerangriff, der sie beide schwer verletzt. Zehn Jahre lang halten sie einander für tot, bis sie sich zufällig in der Pariser U-Bahn durch die Fenster zweier Züge sehen. Sie finden wieder zueinander, aber Léon hat inzwischen geheiratet und beide sind sich einig, dass Léon seine Frau weder verlassen noch sie langfristig betrügen sollte. Deswegen vereinbaren sie, sich nicht zu treffen und sich auch nicht hinterherzulaufen, um zufällige Begegnungen zu provozieren.

Yvonne, Léons Frau, leidet verständlicherweise trotzdem unter Louises Existenz – bis der Zweite Weltkrieg ausbricht und sie und Léon zu einem Team werden mit dem einzigen Ziel, das Leben der inzwischen vier Kinder umfassenden Familie unter der deutschen Besatzung zu erhalten. Der Einmarsch der Deutschen in Paris ist auch der Anlass, dass Louise wieder Kontakt zu Léon aufnimmt. Als »Tippmamsell« der Banque de France begleitet sie ein mit Gold beladenes Schiff nach Afrika. Kurz vor dem Aufbruch schreibt sie Léon einen Brief:

Ich lebe ganz gut, Du fehlst mir nicht, verstehst Du? Du bist nur eine der vielen Leerstellen, die ich durch mein Leben trage … Ich finde es längst nicht mehr allzu schlimm, dass sich im richtigen Leben nicht jeder Traum verwirklicht; das könnte ja sonst rasch ein bisschen viel werden … Erst jetzt, da ein paar tausend Kilometer Distanz uns vor Heimlichkeiten, Lügen und Niedertracht bewahren und wir einander mit großer Sicherheit lange Zeit nicht sehen werden, erst jetzt fühle ich mich Dir wieder ganz nah. Nur weit weg von Dir bin ich ganz bei mir, nur fern von Dir kann ich es wagen, mich Dir zu öffnen ohne mich zu verlieren, verstehst Du?

Während Léon als Polizeibeamter versucht, unauffällig die Absichten der Deutschen zu behindern, kämpft Louise mit widrigen Umständen in Afrika. Als sie fünf Jahre später, nach Kriegsende, nach Paris zurückkehrt, ist das Gefühl, überlebt zu haben, so überwältigend, dass sie die von ihr selbst geforderte Regel bricht und Léon direkt aufsucht. Sie trifft auf seine Frau Yvonne, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg komplett gehen lässt und dann auch bald etwas zu praktisch und schnell stirbt, sodass Léon und Louise wenigstens doch noch ein paar Jahre zusammen verbringen können.

»Léon und Louise« ist ein sehr leiser Roman, der vor allem durch die ungewöhnliche Art berührt, wie Léon und Louise mit ihrem verpassten gemeinsamen Leben umgehen.

Alex Capus: Léon und Louise | Deutsch
Hanser 2011 | 320 Seiten | Jetzt bestellen

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Close