Adam Christopher: Stranger Things - Finsternis»Bevor ich Chief in Hawkins geworden bin, habe ich für die Polizei in New York gearbeitet. Als Detective für Tötungsdelikte.«

Elfi bewegte die Lippen, um stumm das unbekannte Wort nachzusprechen.

»Tötungsdelikt bedeutet Mord.«

Elfi riss die Augen auf. Mit einem tiefen Seufzer fragte sich Hopper, ob er soeben die Büchse der Pandora geöffnet hatte.

»Wie dem auch sein, im Sommer siebenundsiebzig ist etwas sehr Merkwürdiges passiert …«

Lange habe ich mich gegen die erfolgreiche Netflix-Serie »Stranger Things« gewehrt, aus dem einzigen Grund, weil ich Kinder und Teenager als Helden einer Geschichte nicht besonders mag. Die Sorgen und Nöte dieser Lebensphase liegen zu lange zurück, und das Verhalten solcher Protagonisten ist mir oft zu albern oder pubertär. Ich war ein großer Fan des Films »Die Goonies«, aber damals befand ich auch in diesem Alter.

Es brauchte genau eine Folge, um alle diese Vorbehalte über Bord zu werfen. Der Grund: Die jugendlichen Schauspieler sind einfach phänomenal. Keine nervigen, altklugen Figuren, die man leider viel zu oft in Filmen sieht, sondern überzeugende Charaktere, gespielt von wirklich guten Schauspielern. Gleiches gilt übrigens auch für die Darsteller in der Neuverfilmung von Stephen Kings »Es«. Gleiche Vorbehalte, dasselbe Ergebnis. Wobei einer der Darsteller sogar im Film und der Serie auftritt.

An der Handlung von »Stranger Things« selbst habe ich nie gezweifelt. Ich bin in den Achtzigern großgeworden und diese Serie vereinigt alles, was an diesem Jahrzehnt so großartig war: Die Bücher von Stephen King, die Filme von John Carpenter und Steven Spielberg, die Anfänge von Computerspielen, Rollenspiele wie »D&D«, Filme wie »Stand by me«, »Poltergeist« und »Unheimliche Begegnung der Dritten Art«, die Aufzählung ließe sich beliebig weit fortsetzen. Alle diese Zutaten wurden zusammengemischt, aber nicht als bloßer Abklatsch, sondern wie eine liebevolle Hommage.

Kommen wir (endlich) zum Buch: Zu der Serie sind bisher zwei ergänzende Romane erschienen, die vor der eigentlichen Handlung spielen und unabhängig von der Serie gelesen werden können. Sie behandeln die Vorgeschichte von verschiedenen Hauptfiguren. Im ersten Band war dies Elfi, ein übersinnlich begabtes Mädchen, das direkt aus mehreren Stephen-King-Geschichten stammen könnte. (Die Darstellerin Millie Bobby Brown spielt gerade im neuen Godzilla-Film mit, wer sich aber wirklich beeindrucken lassen will, sollte die BBC-Serie »Intruders – Die Eindringlinge« sehen. Darin spielt sie die menschliche Hülle eines alten Serienkillers so unglaublich überzeugend, dass man Angst bekommt. Bei den Dreharbeiten war sie neun Jahre alt!)

In »Finsternis« wird nun die Vorgeschichte von Sheriff Jim Hopper erzählt, eine Figur, wie sie typischer für die Achtziger nicht sein könnte. Wir lernen ihn in der Serie als einen versoffenen, brummeligen Macho kennen, der in seinem letzten Job gescheitert ist und nun vor sich hindämmert, bis ihn die Umstände zwingen, über sich hinauszuwachsen.

Der vorliegende Roman spielt im Sommer 1977, als Hopper noch als Detectice in New York arbeitet und einen Serienmörder jagen muss. Man ahnt bereits, dass dies der Fall sein muss, der ihm damals das Genick gebrochen hat und dafür sorgte, dass er Dorfsheriff in einer schläfrigen Kleinstadt wurde.

Das Buch beginnt im Jahr 1984, also zur Handlungszeit der Serie. Elfi fragt Hopper in ihrer Hütte nach den Gründen, weshalb er Polizist geworden sei, woraufhin er von damals erzählt.

Im Sommer des Jahres 1977 hält der »Son of Sam« die New Yorker Polizei auf Trab. Es gibt jedoch noch einen anderen Killer, der zu dieser Zeit in der Stadt sein Unwesen treibt. Drei Leichen wurden bereits gefunden und jedes Mal lag eine weiße Karte mit einem geometrischen Symbol neben der Leiche.

Detective James Hopper erhält eine neue Partnerin. Eine der ersten weiblichen Mitarbeiterinnen der New Yorker Mordkommission. Rosario Delgato muss sich in einer Männerwelt behaupten, die ihr Monopol zu verlieren fürchtet. Als sich das dritte Opfer als FBI-Agent entpuppt, übernimmt die Bundesbehörde den Fall und mischt sich nicht nur in die Ermittlungen, sondern auch in Hoppers Leben.

»Finsternis« ist eine konventionelle, routiniert geschriebene Krimigeschichte, die nur durch den Bezug zur Serie Relevanz erhält. Diesen Bezug nutzt Autor Adam Christopher aber recht geschickt, zusammen mit vielen netten Anspielungen auf die Siebziger- und Achtzigerjahre, doch bei manchen Klischees darf man zweifeln, dass es sich um eine Hommage an alte Zeiten handelt. Für meinen Geschmack ist alles viel zu ausführlich – um nicht zu sagen weitschweifig – beschrieben. Der halbe Seitenumfang hätte für diese Geschichte vollkommen ausgereicht, ohne dass etwas gefehlt hätte.

Fazit: Das Buch bietet eine ansprechende Ergänzung zur Serie, aber die wirklich großen Enthüllungen will man sich wohl für das Hauptmedium aufsparen. Für Fans trotzdem ein kurzweiliger Zeitvertreib, wenn man sich beim Lesen den Serien-Hopper vor Augen hält.

Adam Christopher: Stranger Things – Finsternis | Deutsch von Melike Karamustafa
Penguin 2019 | 528 Seiten | Jetzt bestellen

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